Kultur : Chinesische Lösung

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Peter von Becker über eine neue Mauer im Nahen Osten

Eine Mauer. Keinen metallenen, womöglich auch elektrischen Zaun, wie ihn die Regierung Scharon jetzt zwischen Israel und dem Westjordanland anlegen will, nein, eine „unüberwindliche“ Mauer zu bauen – das empfehlen eine Reihe illustrer Schriftsteller und Intellektueller. Der Aufruf „an die internationale Gemeinschaft“, vor über zwei Wochen in den beiden Tageszeitungen „La Repubblica“ und „Le Monde“ veröffentlicht, wurde zunächst offenbar kaum beachtet. Es ist eine Initiative des italienischen Literaturwissenschaftlers Pietro Citati („Die großen Mythen der Welt“) und des israelischen Romanciers Abraham B. Yehoshua („Der Liebhaber“), und mittlerweile haben unter anderem auch Carlos Fuentes, Jorge Semprun, Claudio Magris, Czeslaw Milosz, Mario Vargas Llosa und Hans Magnus Enzensberger den Appell mit unterzeichnet.

Es heißt darin: „Das Fehlen klar definierter Grenzen zwischen beiden Nationen ist eine Hauptursache für das Blutvergießen in den letzten Monaten. Die Tatsache, dass keine Trennung existiert, hat sowohl die zerstreuten israelischen Siedlungen auf palästinensischem Territorium als auch die jüngsten Attentate auf die israelische Zivilbevölkerung erst ermöglicht.“ Die Autoren fordern damit auch den Rückzug der von Scharon und der israelischen Rechten bis heute verfochtenen israelischen Siedlungen, die als befestigte Inseln auf palästinensischem Boden eine klare Grenzziehung (und Grenzsicherung) verhindern. Trotzdem haben zwei der prominentesten israelischen Schriftsteller, die beide der Friedensbewegung nahe stehen und mit Yehoshua befreundet sind, ihre Unterschrift unter dem Appell verweigert. Grossman hat dies kürzlich in der römischen „Repubblica“ begründet: „Gewiss wäre es wünschenswert, wenn die internationale Gemeinschaft – Amerika an der Spitze – stärkeren Druck ausüben würde, damit es im Nahen Osten zu einer friedlichen Lösung kommt.“ Doch darüber mache er sich keine Illusionen. Grossman: „Europa hat keine Instrumente dafür. Und Bushs Amerika hat wahrscheinlich Recht, wenn es die Zeit für eine Einigung noch nicht gekommen sieht. In eine scheiternde Mission wollen die USA nicht involviert sein. Deshalb sind wir zum Warten verdammt. Wie lange noch? Vielleicht so lange, bis beide Völker erschöpft sind.“

Grossman, ein realistischer Idealist, bezweifelt nicht nur die Undurchlässigkeit einer Mauer, er sieht in ihr auch ein Symbol des weiter wachsenden Hasses. „Israelis und Palästinenser haben genug damit zu tun, die Mauer niederzureißen, die schon zwischen ihnen ist.“ Grossman und auch Oz wissen, dass die wechselseitige Brutalisierung und Zerrüttung von Palästinensern und Israelis ein Ende finden muss. Aber dass die Vernunft nur auf die blutige Erschöpfung baut und das Leben nur noch auf Leichen, ist eine verzweifelte Hoffnung. Wie die auf eine Mauer. Pietro Citati, Yehoshuas Partner, ist einer der führenden Kafka-Spezialisten Italiens. Da wird er Kafkas Parabel „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ nur zu gut kennen: Die Mauer wird nie fertig, ihr Schutz trotz aller Baukunst nie perfekt sein, sie ist nur der absurde Gestus einer den Menschen entrückten Führung. Im Übrigen stand eine Mauer nicht nur in Berlin. Auch in Jericho.

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