Chinesischer Karikaturist Badiucao : Stift als Waffe

Der Exil-Chinese und Karikaturist Badiucao zeichnet von Australien aus gegen die Politik in seinem Heimatland an. Eine Chat-Begegnung.

Ästhetik, Mut und Humor. Zeichnungen wie diese fertigt Badiucao auch für das Webportal China Digital Times an.
Ästhetik, Mut und Humor. Zeichnungen wie diese fertigt Badiucao auch für das Webportal China Digital Times an.Bild: Badiucao

Sein Name ist reine Fantasie, doch sein Sujet bittere Realität. Über die wahre Identität von Badiucao ist wenig bekannt. Bei öffentlichen Auftritten erscheint er maskiert, eine Kontaktaufnahme ist nur via Chat möglich. Der Grund für die Vorsicht: Badiucao ist einer der bekanntesten politischen Karikaturisten Chinas. Und somit Staatsfeind.

Auch hinsichtlich seiner Biografie bleibt der Künstler vage. Er sei in den achtziger Jahren in Schanghai geboren worden. Sein Großvater gehörte zur ersten Generation chinesischer Filmemacher. Nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 wurde er inhaftiert und in ein Umerziehungslager deportiert, wo er verhungerte. Dieses Ereignis sei zu einer Art Familientrauma geworden, Angst und Hoffnungslosigkeit waren ständige Begleiter in Badiucaos Kindheit.

Mantraartig hätten seine Eltern ihre Warnungen wiederholt: Ihr Sohn solle niemals politisch aktiv werden oder gar öffentlich zu brisanten Themen Stellung beziehen. Doch Badiucao begehrte gegen das selbstverordnete, enge Korsett auf. Als Vater und Mutter erkennen, dass sie das erwachende politische Bewusstsein nicht mehr eindämmen können, unterstützten sie ihren Sohn letztlich bei seiner Entscheidung, das Land zu verlassen.

Zensoren können die visuelle Sprache schwer eindämmen

In Australien beginnt der angehende Künstler 2011 mit seinen ersten Arbeiten, ohne jemals eine grundständige, künstlerische Ausbildung genossen zu haben. Eigentlich galt seine Leidenschaft der Analogfotografie. Doch im Exil ist er auf der Suche nach einer Kunstform, die es ihm erlaubt, schnell auf das Weltgeschehen zu reagieren.

Und so entdeckt er das digitale Zeichnen für sich. Karikaturen vereinen die Grundantriebe seines künstlerischen Selbstverständnisses: „Ästhetik, Mut und Humor“. Für ihn steht der Karikaturist an der „Frontlinie im Kampf um die Meinungsfreiheit“. Eine wichtiger Aspekt sei dabei, dass Zensoren die visuelle Sprache schwer eindämmen können. Sie ist schnell reproduzierbar, der kritische Gehalt erreicht den Betrachter unmittelbar.

Zentraler Bezugspunkt von Badiucaos Schaffen ist die Propagandakunst der Kommunistischen Partei Chinas. Mit viel schwarzem Humor überspitzt er ironisch die verbildlichten Machtgesten des Staatsapparats und dekonstruiert deren feierliche Ernsthaftigkeit des Autoritären. Ziel sei es, „das Narrativ der Regierung mit einer kindlichen Naivität aufzubrechen“ und den Betrachter aufzufordern: „Lasst sie uns verspotten.“ Schließlich gäbe es für einen Karikaturisten nirgendwo auf der Welt so viele Ressourcen für den kreativen Prozess wie in China.

Badiucao bewundert Käthe Kollwitz

Als politischen Ziehvater nennt Badiucao den kürzlich verstorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Er war eine der Schlüsselfiguren während der Pekinger Studentenproteste 1989, die im Tian’anmen-Massaker endeten. Als Kind erfuhr Badiucao von den Ereignissen. Heute beschreibt er sie als „Erweckungserlebnis“. Nach Xiaobos Tod widmete der Künstler ihm und seiner Witwe Liu Xia mehrere Zeichnungen.

Badiucaos Zeichenstil ist maßgeblich vom deutschen Expressionismus geprägt. Vor allem Käthe Kollwitz bewundert er: „Sie ist die kraftvollste Frau, die ich je gesehen habe.“

Doch im Gegensatz zu den Lithografien und Radierungen der deutschen Künstlerin dominieren bei ihm die Farben Schwarz und Rot. Es ist das zentrale Wiedererkennungsmerkmal der chinesischen Propagandakunst. Badiucao deutet sie um: Das Schwarze symbolisiere Depression, Verzweiflung und Dunkelheit. Rot stehe für Blut, Angst und Gewalt. Das politische System in China sei „wie ein gigantischer Fleischwolf. Eine Lage frisches Blut bedeckt eine Lage Verzweiflung.“

Als Rezipienten macht er vor allem jene Internetnutzer in China aus, die die staatliche Zensur umgehen können. Denn wer seine Werke in China teile, dem droht der digitale Tod. Unzählige Profile werden im chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo täglich gelöscht. Auch Badiucaos Account fiel Dutzende Male der Zensur zum Opfer, stets gefolgt von einer Wiederauferstehung. „Reincarnation party“ nennen sich die digitalen Wiedergänger treffend.

Einschüchterung und Diskreditierung seiner Person

Mehrfach wurde der Künstler zum Ziel von Hetzkampagnen. Von Fake-Accounts erreichten ihn massenhaft Verleumdungen und Drohungen. Für Badiucao besteht kein Zweifel daran, dass Organe der chinesischen Regierung die Angriffe systematisch steuern. Bis zu zwei Millionen bezahlte, regierungsnahe Internetkommentatoren soll es in China geben.

Neben der Einschüchterung zielen die anonymen Verunglimpfungen auch auf eine Diskreditierung seiner Person ab. Sogar eine gefälschte Internetdomain mit seinem Namen wurde eingerichtet, um darauf kompromittierendes Material zu veröffentlichen. Darunter auch Karikaturen, die Badiucao als korrumpierten, sexsüchtigen und aufmerksamkeitsheischenden Internetaktivisten darstellen.

Eines Tages möchte er nach China zurückkehren

Sicher fühle er sich im Exil keineswegs, schreibt Badiucao, denn der lange Arm der chinesischen Regierung reiche bis nach Australien. Vor einem Jahr wurde ein Wirtschaftsdozent an der Universität von Sydney in Australien entlassen. Offiziell, weil er chinesische Studenten beleidigt habe. Doch Badiucao vermutet, dass der chinesische Geheimdienst auch in der Exil-Community in Australien die Interessen Pekings durchsetzt.

Trotz dieser Erfahrungen möchte er eines Tages nach China zurückkehren. Für seine Zukunft hat er einen bescheidenen Wunsch: „Ein ganz normales, langweiliges Alltagsleben.“ Bis es so weit ist, wird Badiucao täglich den Stift in die Hand nehmen.

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