Chodorkowski stellt sein Buch "Meine Mitgefangenen" vor : Ein Mensch allein ist weniger als nichts

Ohne ein überflüssiges Wort: Der russische Ex-Häftling und Putin-Kritiker Michail Chodorkowski stellte in Berlin sein Buch „Meine Mitgefangenen“ vor.

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Michail Chodorkowski stellt sein Buch "Meine Mitgefangenen" in Berlin vor. Foto: dpa
Michail Chodorkowski stellt sein Buch "Meine Mitgefangenen" in Berlin vor.Foto: dpa

Artjom konnte nicht begreifen, warum er im Gefängnis landete. Der russische Bauingenieur hatte seine Arbeit gemacht, ein neues Projekt vorbereitet. Einige Wochen lang vertrat er die Chefs. Als das Baumaterial nicht wie geplant ankam, versuchte er sie zu erreichen – vergeblich. Die Chefs blieben ebenso verschwunden wie die acht Millionen Dollar der Investoren. Doch dann forderte ein Ermittler von Artjom plötzlich eine Million. Andernfalls würde man ihm die Sache anhängen. Das Geld hatte er nicht. Der Ingenieur wurde zu acht Jahren Haft verurteilt. Seinen Kindern konnte er nicht mehr in die Augen sehen. Im Gefängnis versuchte er, sich das Leben zu nehmen.

Artjoms Geschichte wäre nie an die Öffentlichkeit gelangt, hätte Michail Chodorkowski sie nicht aufgeschrieben. Der frühere Oligarch und Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin verbrachte mehr als zehn Jahre in Gefängnissen und Straflagern. In der Haft schrieb er kleine, präzise Porträts seiner Mitgefangenen. Die zuerst in der russischen Zeitschrift „The New Times“ erschienenen Texte hat der Verlag Galiani Berlin nun in dem Buch „Meine Mitgefangenen“ veröffentlicht. Der Verleger Wolfgang Hörner hätte nicht gedacht, dass der Autor beim Erscheinen des schmalen Bandes schon frei wäre. Chodorkowskis Haftzeit ging eigentlich bis August, ein neuer Prozess drohte. Doch im Dezember 2013 wurde der 50-Jährige begnadigt und nach Deutschland geflogen. Nun kehrte er noch einmal nach Berlin zurück, um sein Buch im Literaturhaus vorzustellen.

Eine Ziffer in der Bilanz

Chodorkowski beschreibt in den kurzen Texten detailgenau, mitfühlend und ohne ein überflüssiges Wort die Menschen, die ihm in der Haft begegneten. „Das russische Gefängnis ist eine besondere Welt“, sagte er am Donnerstagabend. Mehr als 700 000 Menschen seien in Russland in Haft. Wie Artjoms Schicksal zeigt, waren nicht nur Mörder oder Drogenhändler Chodorkowskis Zellengenossen, sondern auch Menschen, denen man ein Verbrechen angehängt hatte, das sie nicht begangen haben. In einem Land, in dem statt Rechtsstaatlichkeit Willkür herrscht, kann es jeden treffen. Jeder zehnte Mann in Russland komme einmal ins Gefängnis, sagt Chodorkowski. Doch die Gesellschaft will von dieser Welt lieber nichts wissen. „Die Gefängnisse sind eine ‚verbotene Zone’ im Bewusstsein der Menschen.“

Diese verbotene Zone hat mehr mit ihrem Leben zu tun, als sie glauben. Denn im Gefängnis zeigt sich im Kleinen das Verhältnis des autoritären Staats zum Bürger. „Der Mensch als solcher bedeutet für unseren Staat weniger als nichts. Er ist nur eine Ziffer in der Bilanz“, schreibt Chodorkowski. Er ist überzeugt, dass die weit verbreitete Korruption vom Präsidenten selbst gebilligt ist: „Putin hat entschieden, dass die Korruption zum tragenden Bestandteil des Systems werden soll.“

Die Geschichte von der gestohlenen Weinflasche

Wie unter einem Vergrößerungsglas zeigen die Porträts, was ein von Willkür geprägtes System für den Einzelnen bedeutet. Wolodja kam ins Gefängnis, weil er von einem Konto, das einem Angehörigen der Sicherheitskräfte gehörte, Geld abgezweigt hatte, vermutlich Schwarzgeld. Kurz vor seiner vorzeitigen Freilassung wurden plötzlich neue Vorwürfe laut. Die Ermittler behaupteten, Wolodja – ein kleiner, hinkender Mann – habe einen Mithäftling zu Tode geprügelt. Dieser saß im Gefängnis, weil er im Suff eine Flasche Wein gestohlen hatte. Doch Wolodja war ihm nie begegnet, die Gefängnisakten und die Aussagen von Ärzten und Aufsehern bestätigten das. Dennoch warf man ihm vor, dem anderen mit zwei Faustschlägen 19 Rippen gebrochen zu haben. Der Mann, der nur eine Weinflasche gestohlen hatte, starb an einer Verletzung der Milz. Es sei unmöglich, mit zwei Faustschlägen so viele Rippen zu brechen, argumentiert Chodorkowski. „Brechen kann man hingegen die Rippen, wenn man mit schweren Kampfstiefeln auf einen hilflos auf dem Boden liegenden kranken Häftling eintritt, der gegen irgendetwas aufgemuckt hat.“ Doch gegen das Wachpersonal wird nicht ermittelt. Zwei Kriminelle „bezeugen“ vor Gericht, dass es Wolodja war. Der Richter spricht ihn schuldig. „Es war ein Schock zu sehen, dass das Gericht ein Ort ist, an dem das menschliche Schicksal niemanden interessiert, die Wahrheit niemanden interessiert – und letztlich auch das Gesetz niemanden interessiert“, sagt Chodorkowski über seinen eigenen Prozess.

"Ich kann nicht anders leben"

In den Porträts änderte er zum Schutz der Mithäftlinge deren Namen. Dennoch gibt er darin den Namenlosen ihre Geschichte, ihre Würde zurück. Einer seiner Mitgefangenen verletzte sich lieber lebensgefährlich, als zu „gestehen“, einer Babuschka die Handtasche geklaut zu haben – eine Tat, die er nicht begangen hatte und die seinem Ehrbegriff zuwiderlief. Ein anderer sollte gegen Chodorkowski in einem Disziplinarverfahren aussagen. Er tat es nicht, weil er nicht lügen konnte.

Chodorkowski selbst bleibt in den Geschichten im Hintergrund. Wie sehr er in der Haft gelitten hat, gibt er nicht preis. Für jeden veröffentlichten Text kam er zunächst in Einzelhaft.Doch dadurch wurden die Texte noch populärer, so dass man ihn am Ende gewähren ließ. Es habe kaum Druckmittel gegen ihn gegeben, sagt er heute: Ihn zu schlagen, war verboten, mit einer Freilassung rechnete er ohnehin nicht, die Familie war im Ausland und seine Firma faktisch enteignet.

Das Schwerste nach seiner Freilassung sei die „Arbeit an der Wiederherstellung eines normalen Familienlebens“ gewesen. Aus Sicht seiner Familie, die in der Schweiz lebt, verbringt er immer noch zu viel Zeit mit anderen Dingen. Kürzlich war er in der Ukraine, außerdem kamen auf seine Initiative hin zahlreiche russische Wahlbeobachter ins Nachbarland. Ein Leben ohne Engagement möchte er sich nicht vorstellen: „Ich kann einfach nicht anders leben.“

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