Kultur : Chöre und Küsse

KLASSIK

Isabel Herzfeld

Eliahu Inbal und das Berliner Sinfonie-Orchester , das ist fast schon ein Synonym für mustergültiges Berlioz-Spiel. Während sonst in der Stadt zum 200. Geburtstag des Franzosen Funkstille zu herrschen scheint, begeisterten die Musiker und ihr Chefdirigent schon mehrfach gerade mit den unbekannteren Werken. So auch diesmal im Konzerthaus bei der dramatischen Sinfonie „Roméo et Juliette“. Es handelt sich hier um eine eigenwillige Mischung aus Sinfonie und Oratorium auf einen vom Komponisten selbst verfassten Text. Der Chor bleibt fast ganz in der erzählenden Rolle, berichtet nur skizzenhaft von der Feindschaft der Familien und ihrer Versöhnung am Grab der Liebenden. Der Ernst Senff Chor erging sich hierzu in lupenreinen Unisono-Rezitativen, kündigte den „göttlichen Ball“ bei Capulets in frechen, beweglichen Couplets an und lief später zur großen Form machtvoller Passions-Klänge auf.

Das war die Folie für den großen Auftritt von Peter Mikulá, der dem versöhnenden Pater Lorenzo edle Baritontöne leiht. Jean Delescluse besingt mit feingliedrigem Tenor die Feenkönigin Mab, die ins Gehirn der Schlafenden eingenistet für aufregende Träume sorgt. Die 32-jährige Nora Gubisch verfügt über einen warmen, reich timbrierten Mezzo, eine große, gesunde Stimme, welche ihre „erste Wallungen“ der Liebe preisende Canzone dennoch mit zarten Nuancen versieht. Doch das eigentliche Drama spielt sich rein instrumental ab. In den feurigen Bratschenbewegungen zu Beginn, im poetischen Andante, in vertrackten, irisierend gefärbten Scherzo-Rhythmen und im Blechbläsertriumph zeigt sich einmal mehr die augenblickliche, glänzende, plastisch-präzise Form des Orchesters.

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