Kultur : Chopin im Kammermusiksaal

Uwe Friedrich

Von Sternenstaub ist die Rede, von Revolutionen und Regentropfen. Poetische Titel wurden den Etüden und Préludes Frédéric Chopins verliehen. Einige wurden aus dem zyklischen Zusammenhang herausgebrochen und führen ein Eigenleben als populäre Zugaben virtuoser Pianisten. Es gehört einiger Mut dazu, alle drei Zyklen, zweimal zwölf Etüden und 24 Préludes, an einem Abend aufzuführen. Und tatsächlich geht bei den bekannten Stücken, etwa der Revolutions- oder der "In mir klingt ein Lied"-Etüde eine leichte Unruhe durch den Kammermusiksaal. "Das kenne ich", raunt mancher Zuhörer deutlich störend seiner Begleiterin zu. Zwischendurch wird auch gerne mit dem Papier jener Bonbons geraschelt, die kostenlos zur Reduzierung des Hustenreizes gereicht werden. So wird ein Geräusch durch das andere ersetzt.

Wer über die Grundunruhe hinweghörte, wurde mit einem herausragenden Klavierabend des kanadischen Pianisten Louis Lortie belohnt. Gerade im unspektakulären Mezzoforte erreicht er die nachhaltigsten Wirkungen, weil es stark zu den hervorbrechenden Kaskaden pianistischer Kraftentfaltung kontrastiert. Dass seine Läufe makellos sind, die technischen Herausforderungen meisterhaft bewältigt werden, muss bei einem Künstler seiner Klasse nicht betont werden. Spannend ist vor allem, wie er die sanft schwingenden Rhythmen biegt und belastet, durch subtiles Rubato auflädt und schließlich wieder in die ruhigen Bahnen elegischer Stimmungen entlässt. Die endlosen Melodien wechseln immer wieder Farbe und Gestalt, gewinnen Tiefe und Form. Das perlt nicht ziellos, gleichmäßig und perfekt dahin, sondern erzählt vom Geheimnis zwischen den Notenlinien. Von den verstörenden Erlebnissen, die in chromatischen Läufen aufgehoben sind, von der Gefährdung des Glücks, von den kurzen Momenten der Erfüllung. Spannung, Wagemut und unbeirrbare Sicherheit bilden in Louis Lorties Spiel einen glücklichen Zusammenklang. Schade nur, dass viele Zuhörer dieses außerordentliche Glück nicht still ertragen können.

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