Kultur : Chor der Gebärden

NORBERT SERVOS

Was hat die Welt der Hörenden mit der Wahrnehmung der Gehörlosen zu tun? Was verstehen Taubstumme von Musik? Die Unvereinbarkeit zweier Welten, die sich gleichwohl etwas zu sagen haben, soll schon der Titel in sich bergen."Gehörlose Musik", eine Veranstaltungsreihe von den Freunden guter Musik in Zusammenarbeit mit der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, will das paradoxe Verhältnis nicht glätten.Sie will aber auch, mit Uraufführungen von Wolfgang Müller, von Gabi Stadler und Helmut Oehring zeigen, daß Musik auch als ein Nicht-Klingen konzipiert sein kann.

Helmut Oehring hat, als hörendes Kind gehörloser Eltern, die Querstände zwischen den Welten am eigenen Leib erfahren.Abgründig, kraß und belastend nennt er, der die Gebärdensprache vor der gesprochenen erlernte, seine Grenzgänge zwischen der Welt der Stille und der Welt der Klänge.Denn die Sprache der Gebärden hat in Grammatik und Syntax kaum etwas mit der Schriftsprache gemein: Entsprechend anders ist das Bild der Welt, das sich im Kopf formt."Wenn man davon ausgeht, daß Sprache das Sein ausmacht, dann befand ich mich zwischen dem Sein", sagt Oehring.So versteht er seine Arbeit als den Versuch einer Synthese aus seinen beiden so unterschiedlichen Muttersprachen.Ausgangspunkt für seine neue Komposition "Acht" sind - wie immer - Texte, die in Gebärden gedacht sind und dann in der Musik Gestalt annehmen.Vermittelndes Medium ist die Bewegung.

Kaum verwunderlich ist, daß in der szenischen Umsetzung das Visuelle dominiert.Ein Chor aus sieben Gehörlosen unter Leitung von Christina Schönfeld hat die Texte in die Sprache der Zeichen und das Fingeralphabeth übersetzt.Wer ihnen bei der Probe zuschaut, entdeckt eine ungeheuer reiche, lebendige und vielschichtige Ausdruckswelt.Was wie Morsezeichen aus einer anderen Erfahrungsphäre wirkt, schließt doch mit großer Genauigkeit das ganze Repertoire menschlicher Gefühle in sich ein - und das wesentlich differenzierter, als es die Schriftsprache vermag.Schnell begreift man da, daß die faszinierende, stille Welt der Zeichen die Urmutter aller Sprachen ist.

Auch die schwerhörige Choreographin und Tänzerin Tatjana Ortlob setzt in ihren Tänzen unmittelbar bei der eigenen Lebenserfahrung an.Etwa bei dem hilflosen Gefühl, die Richtung von Stimmen, Geräuschen nicht genau bestimmen zu können.Beim Zwang, immer wieder nachzufragen, oder bei der Hörfolter des Tinitus, eines bohrenden Geräusches im Kopf, das kein Arzt, nur die eigene Konzentration kurieren kann.Immer erzählt sie dabei aber auch von dem ungebrochenen Mut, sich in der ignoranten Welt der Hörenden zu behaupten - mit einer tänzerischen Sprache, die sich noch einmal an den existentiellen Grund der Erfahrungen zurücktastet.

Oehring will in seiner szenischen Umsetzung die Eigenheiten der verschiedenen Sprachen nicht nivellieren.Jedes Element, ob Geste, Tanz oder Klang, soll im Zusammenspiel seine eigenen Stärken entfalten.So werden auch die Projektionen und zugespielten Sounds zwar aufeinander abgestimmt, aber nicht unbedingt `einkomponiertÔ.Die Idee eines Gesamtkunstwerkes ist Oehring fremd.Viel eher sieht er im Mit- und Gegeneinander der Brüche und Risse die Chance, Existentielles aufscheinen zu lassen.Dafür muß man allen, Hörenden wie Gehörlosen, erst einmal ihre Sicherheiten entziehen.Erst dann wird klar, auf welch dünnem Eis sprachlicher Konvention wir uns tagtäglich bewegen und wie wenig oft die gängigen Floskeln von den wahren Gefühlen verraten.

Die Schönheit aber, die dann in der Unsicherheit aufscheint, sollte sich keiner entgehen lassen.

In der Reihe "Gehörlose Musik" zeigt der Prater heute um 21 Uhr Wolfgang Müllers "Die tödliche Doris", ab 23 Uhr gibt es eine "Deaf Disco" mit DJ Emil.Helmut Oehrings Projekt ist am 28.11.um 21 und 23 Uhr zu erleben.Am 29.11.gibt es um 21 Uhr ein Konzert mit Werken von Cage, Schnebel, Stadler, Brunner und Ritz.

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