Kultur : Choral am Ende der Teilung

Auferstanden aus Archiven: Die erste Ausstellung in der neuen Akademie der Künste gilt der eigenen Erinnerung

Christian Schröder

Die DDR als Oratorium für wechselnde Stimmen: Im Singsang des Vorlesens verlieren die Worte ihre Bedrohlichkeit. Vorne beugt sich ein Herr mit Schnauzbart und Krawatte über ein bibeldickes Buch, seine Beine stoßen fast an die Unterkante des sehr niedrigen Tisches, an dem er sitzt. Er liest – halb Märchenonkel, halb Nachrichtensprecher – aus den Annalen eines untergegangenen Staates: Briefe, Zeitungsartikel, Passierscheine, Gedichte, Parteigutachten. „Kampf gegen Konstruktivismus und Formalismus“, „verfaulender Kapitalismus“, „Kampf des Volkes“, „amerikanische Unkultur“, weich intoniert, klingen die Phrasen der Funktionäre beinahe gemütlich. Meditative Feierlichkeit liegt über dem Raum, man sitzt wie in einem orientalischen Zelt auf bunt gemusterten Stoffbahnen. DDR-Vergangenheit als Gutenachtgeschichte.

„Die Zeit der DDR“ lautet der lakonische Titel der Installation von Jochen Gerz. Sie gehört zur ersten großen Ausstellung im Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz. Bis zum September wird ein Teil der Archivbestände der Akademie – das Baukunstarchiv und die Kunstsammlung – in die Kellergewölbe von Günter Behnischs spektakulärer Glaskastenarchitektur umziehen, die bis ins vierte Untergeschoss reichen. Das Archiv umfasst fast 900 Nachlässe mit 6000 laufenden Regalmetern und mehr als einer Million Dokumenten, ein Schatz, dessen Vorhandensein kaum im Kollektivbewusstsein verankert ist.

So hat die Akademie neun Künstler aufgefordert, sich mit dem Archiv auseinander zu setzen und das Überlieferte ins Hier und Jetzt zu transportieren. „Bisweilen wirft man uns bloße Retrospektive vor“, klagt Archiv-Direktor Wolfgang Trautwein. Jochen Gerz hat die Aufgabe mit spielerischer Leichtigkeit bewältigt. Mit der Lesung von Archiv-Texten aus 41 Jahren DDR-Geschichte gelingt ihm – wie er es selber formuliert hat – die „Vermündlichung“ einer gigantischen papiernen Hinterlassenschaft. Wie bei einer Litanei trägt jeder seiner Vorleser – freiwillige Helfer – jeweils zwei Stunden lang aus dem Buch vor, in dem 800 Textkopien in chronologischer Reihenfolge zusammengebunden sind. Der nächste Vorleser setzt die Lesung an derselben Stelle fort. Eine Endlosschleife.

Nicht jeder Beitrag der Ausstellung „Künstler.Archiv“ wirkt derart souverän. Miguel Rothschild hat aus Paniermehl-, Butterkuchen- und Schoko-Dragee-Packungen der Marke „Louis Lecker“ einen expressionistisch gezackten Kuppelbau errichtet, als Referenz an die Visionen der Architektengruppe „Gläserne Kette“ aus dem Revoluzzergeist der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Läppische Konsumkritik. „Der gotische Dom ist das Präludium der Glasarchitektur“, hatten die Utopisten verkündet. Ihre nie verwirklichten Entwürfe gehören zu den Kostbarkeiten des Akademiearchivs. Miguel Rothschild nähert sich ihnen mit auftrumpfender Ironie, Ilya und Emilia Kabakov tun es mit sakraler Demut. Im Raum nebenan, dem berühmten Max-Liebermann-Saal, zeigen sie faksimilierte Skizzen und Fotos der Projekte von Wassili Luckhardt, Bruno Taut und Hans Scharoun in wuchtigen, sarkophagähnlichen Vitrinen. Funzliges Licht lässt die Blätter erstrahlen, die wunderbare Bezeichnungen wie „Erde, asiastische Seite“ oder „Heilig! Heilig! Sakrales Ornament“ tragen. Als Pointe sind, dem Überschwang der Glas-Metaphorik zum Trotz, die Fenster des Saales verdunkelt.

Manche Archiv-Objekte sind Kleinodien, die keine sie bespiegelnde Kunst brauchen, um zu triumphieren. Im Untergeschoss haben die Künstler einige Originale in schlichten Schaukästen arrangiert. Die Brille von Johannes R. Becher liegt auf seinem Kalender, als wäre der Dichter gerade eben vom Schreibtisch aufgestanden. Für Sonnabend, 24. Mai, ist um 10 Uhr der Termin „Club“ notiert, im Adressbuch findet sich die Telefonnummer von Anna Seghers: 641 725. Etwas weiter liegen die Bücher des anarchischen Schriftstellers Franz Held mit Titeln wie „Eine Afrikareise durchs Marsfeld“ oder „Ein Fest auf der Bastille“. Seine Söhne, der Fotomontage-Pionier John Heartfield und der Verleger Wieland Herzfelde, sollten berühmte Bohemiens und schließlich hoch geehrte DDR-Intellektuelle werden.

„Im Sommer 1898 verloren wir die Eltern.“ Hinter der Notiz von Herzfelde verbirgt sich ein Drama. Der polizeilich gesuchte Vater und die psychisch kranke Mutter hatten die Kinder in einer Berghütte bei Salzburg zurückgelassen. In den Fünfzigerjahren errichtete Heartfield in Waldsieversdorf wohl auch aus Gründen der Nostalgie eine hölzerne Kinderhütte. Hans Winkler stellt nun einen Nachbau dieser Hütte als beeindruckende Haus-im-Haus-Installation in die Akademie: ein (Alb-)Traumgebilde wie aus einem Märchen. Uninspiriert wirkt dagegen die Auseinandersetzung von Eva-Maria Schön mit Bert Brecht. Über einem Gerüst hängen Papierfahnen mit Satzanfängen des Großdichters. Christian Boltanski hat überraschungsfreie Erinnerungsarbeit geliefert. Er ließ eine enge Kammer mit Kopien von Fotos, Briefen, Urkunden aus dem Leben des Theaterregisseurs Maxim Vallentin auskleiden. Die Botschaft ist so platt wie die Wand, an der die Papiere haften: Boltanski, mutmaßt Kuratorin Helen Adkins, interessiere sich für „das einzelne Schicksal unter Millionen“.

Carsten Nicolai interessiert sich zum Glück mehr für Technikgeschichte. Er hat den Prototyp eines Subharchords, eines frühen DDR-Synthesizers aus den Sechzigerjahren, restaurieren lassen. Sphärisch surrend und zischend steht es im Rohbau der Black Box, über eine Leinwand tanzen, von den Tönen gesteuert, psychedelische Streifen. Das Leise kann ohrenbetäubend laut werden, auch in der Klanginstallation „103 Arten Beethoven zu singen“ von Christina Kubisch. Aus dem Abfall von Studioaufnahmen, dem Knistern, Räuspern, Raunen, erheben sich Stimmen, die sich einsingen für eine Ode: „Freude schöner Götterfunken“.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 28. August, Di–So 11–20 Uhr. Der bei Walther König erschienene Katalog kostet 45 €. Heute findet um 11.30 Uhr ein Künstlergespräch u.a. mit Jochen Gerz statt.

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