Kultur : Choreografenwerkstatt: Die Kapuzenträger vom Kurfürstendamm

Jan Schulz-Ojala

Eine große Berliner Boulevardzeitung wusste es schon vorher. "Vom Olymp ins Pissoir" titelte sie am Donnerstag ihren Kulturseiten-Aufmacher und illustrierte die Schlagzeile mit Fotos der Peter-Stein-Aufführung "Drei Schwestern" von 1984 (Olymp!) und Probenfotos einer Arbeit der Choreografin Constanza Macras in der für ihre Eleganz theaterweltberühmten Schaubühnen-Herrentoilette (Pissoir!). Ein wenig verblüfft war die Intendanz beim Lesen schon: Was ihr als Porträt der Choreografin annonciert war, erwies sich - "Endet die Schaubühne als Trash-Theater?" - als hammerharte kulturpolitische Attacke auf die neue, arg wilde und offenbar nun auch noch den Tabu-Raum ihrer Pinkelbecken entweihende Theaterleitung. Die Probenfotos der Choreografin und zweier Tänzer dienten nur dem Mitnahmeeffekt - für Boulevardjournalisten wahrscheinlich einem der höheren Feix-Güteklasse.

So recht angekündigt war die aus zwei Tanzsoli, einer Gruppen-Studie, einer Videoinstallation und einer Performance bestehende Choreografenwerkstatt vom Wochenende damit freilich nicht - aber mancher Berliner Haushaltspolitiker mit feiner Nase für die Lufthoheit über den Toilettenspülungen dürfte bei der Lektüre einmal mehr ins Grübeln gebracht worden sein. Grund genug, den Dingen zunächst in Saal B und sodann auf dem Herrenklo zumindest bis Mitternacht auf den Grund zu gehen: Was ist los in und mit diesem Haus am Freitag, dem 9. März 2001? Haben sich die Olympioniken vom Schlage eines Peter Stein oder einer Andrea Breth, deren Hervorbringungen sich den Lesern jeglichen Zeitungsformats unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt haben, endgültig davongemacht? Gibt es denn gar keine Kunst mehr am hinteren Kurfürstendamm?

Doch. Sehr. Nur anders. Sehr anders. An diesem Abend mit Ensemblemitgliedern und Gästen, der sich als Präsentation von "work in progress" versteht, zeigt sie sich selbst in voranschreitender Form: vom sehr Unfertigen, in mancherlei Hinsicht Anfänglichen im Solo der Nadia Cusimono, die ziemlich zagend Licht, Stimme und Bewegung im Raum eher an- als ausprobiert, bis zur überbordenden, wunderbar überkandidelten Fantasie eines Luc Dunberry, der seine acht Akteure immer wieder ein neues Stück, eine neue Geste und Szene, und, ja, auch mal eine neue Ku-Klux-Klan-Kapuze überwerfen lässt. "Seriously" heißt die dreiviertelstündige, durchaus längerwertige Situationen-Collage - doch ernst, gar bierernst genommen werden will sie bei aller imponierenden Kunstfertigkeit am allerwenigsten.

Das geht schon los mit dem Kabel-Kuddelmuddel einer Truppe kamera- und mikrofonbewehrter Medienleute: Auf das Köstlichste parodieren sie jenes Gute-Laune-Gequassel, das man aus den begleitmusikalischen Vorhöllen etwa von "Big Brother" oder der Love Parade kennt. Alsdann sehen wir die Tänzer und Schauspieler, immer hübsch surfend auf dem Kamm der Dunberryschen Ideen-Wellen, mal als masochistisch füreinander Entflammte, mal als "La Ola"-Fußballpublikum, mal als Kasperlespieler, die mit bloßen Händen einen sturzkomischen Liebeskampf-Pas-de-Deux simulieren, und auf einmal wird die Sache furios. Schon Lisa Densem hatte vor der Pause in einem hochkonzentrierten Solo wie an unsichtbaren Fäden getanzt, eine Traumschwester der Aufziehpuppe aus Fellinis "Casanova". Und jetzt erweckt Marina Galic eine Marionette sacht ins Leben: Erst redet sie, während drei Männer ihr Kopf, Arme und Beine zu verdrehen scheinen, geradezu akrobatisch sinnarmen Silbenmüll, dann lassen die Mitspieler ab von ihr, und die Wörter finden zu sich: "Ich kann das selbst", sagt sie leise. Bewegt die Gliedmaßen vorsichtig. Hört die eigene Stimme wie neu. Entdeckt sich. Vor lauter Hingucken und -hören hätten wir fast das Atmen vergessen.

Nun aber, damit kein Berliner Zeitungsleser auf Montag warten muss, noch die Klo-Geschichte. Constanza Macras verwandelt, mit Bar, Videomonitoren und Mini-Podest, das blitzblank geputzte Etablissement in einen Club. Und plötzlich wird jene heimliche Hauptbühne real existierender Einrichtungen des Nachtlebens, die zum Schönmachen, Fitmachen und auch schon mal zum Liebemachen dienen, wieder zum Theaterraum, in dem die Figuren dies und jenes nur spielen - vom amüsanten Kabinen-Tango bis zum Auftritt einer im Waschbecken thronenden Bademantel-Diseuse, die ein jegliche Handtuchhalter und Papierkörbe witzig zweckentfremdender Percussionist begleitet. Dazu kommt das immer wieder vom dichtgedrängten Publikum elektronisch ausgelöste Rauschen der Beckenspülungen: ein verschwenderisch neuer Verfremdungseffekt, der wohl nicht einmal dem genialen Peter Stein eingefallen wäre. Das Abendland jedenfalls, soviel ist sicher, ist an diesem Abend wieder mal anderswo untergegangen.

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