Kultur : "Choreographisches Theater": Volksbühne und Kresnik: Abgetanzt?

Sandra Luzina

Picasso und was dann? In der Reihe seiner vertanzten Künstler-Biografien will sich Johann Kresnik den großen Spanier vorknöpfen. Angekündigt ist die Premiere für den Januar 2002. Zur Zeit vedichten sich allerdings Gerüchte, dass Intendant Frank Castorf sich nach langem Zögern von dem streitbaren Choreographen und Altkommunisten trennen will. Als politisch-ästhetischen Verbündeten hatte er Kresnik in das Berlin der Nachwende-Zeit geholt. 2002 läuft Kresniks Vertrag aus. Und es gilt als wahrscheinlich, dass die Sparte Tanztheater an der Volksbühne dann abgewickelt wird.

Der Tanz wieder einmal als Bauernopfer in Zeiten der Finanznot - solche Klagen sind im Fall Kresnik nicht angebracht. Denn dass sein "Choreographisches Theater" den Tanz in Berlin weitergebracht hat, kann man nicht behaupten. Kresniks Verdienst: Er hat das dahinträumende, selbstverliebte Ballett einst auf radikale Weise politisiert. "Ballett kann kämpfen", diese Parole hat er stets hoch gehalten. Antriebskraft für seine Bühnenarbeiten war von Anfang an eine unbändige Wut, munitioniert mit linkem Bewusstsein.

Das Theater aus Blut, Sperma und Kot erschöpfte sich im trotzigen Selbst-Zitat, nur noch routiniert wirkten die Kresnik-Horror-Shows zuletzt. An frühere Erfolge wie "Ulrike Meinhof" und "Frida Kahlo" reichten die Arbeiten des Tanztheater-Veteranen nicht mehr heran. In der letzten Inszenierung "Schöne neue Welt. BSE" arrangierte Kresnik abgehangene Schreckensbilder. Das Publikum wendet sich inzwischen gelangweilt ab von den längst durchdeklinierten Bühnenfoltern. Kresniks Tänzer konnte man immer bewundern - wie sie ihren Körper in den Kampf werfen. Wie sie ihre Ekel-Nummern absolvieren, nacktes, malträtiertes Fleisch ausstellen. Den aufdringlich vorgeführten Torturen vermochten sie dennoch eindringliche Momente einer Schmerzens-Ästhetik abzugewinnen. Doch zunehmend hatte man den Eindruck, dass die Tänzer verheizt und zugleich unterfordert werden. Längst hat sich Frustration breit gemacht in der Truppe. Mit Joachim Siska, Amy Coleman, Susana Ibanez und Liliana Saldana haben herausragende Tänzerpersönlichkeiten das Ensemble verlassen. Ganz wohl dürfte Castorf bei dem geplanten Schritt, dem schmerzlichen Schnitt, dennoch nicht sein. Zumal er nicht allein aus enttäuschter Liebe handelt, sondern nüchtern die Interessen seines Hauses im Blick hat. Die chronisch unterfinanzierte Volksbühne braucht dringend neue Mittel - das bestreitet niemand. Eine Scheidung soll es aber nur geben, wenn die Volksbühne davon profitiert und die eingesparte Kresnik-Tanz-Million dem Theater für andere Zwecke zur Verfügung steht.

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