Kultur : Chris Columbus träumt den Traum einer Maschine

Jan Schulz-Ojala

Eigentlich ist das ein Kinderfilm - für Kinder, sagen wir, zwischen sieben und zehn Jahren. Oder doch eher zwischen fünf und acht? Für Kinder jedenfalls, die einen Roboter als Held vertragen, aber er sollte besser noch nicht böse sein. Vielleicht aber ist dies auch ein Film für sehr, sehr viel ältere Leute. Um nicht zu sagen: für die Großeltern dieser Kinder zum Beispiel. Für Leute, die den ganzen Thrill womöglich schon wieder hinter sich haben. Für Leute, die in ihrem Leben schon so viele Roboterfilme gesehen haben, dass es schon wieder ein ganz sanfter Roboterfilm sein darf.

"Der 200-Jahre-Mann" von Chris Columbus, mit Robin Williams in der Hauptrolle (nun ja, so richtig Robin Williams ist er erst im letzten Drittel, und da auch eher vorsichtig, schließlich war er vorher lange genug Roboter, so ungefähr 180 Jahre lang), wird von seinen Machern gerne als Familienfilm bezeichnet. Das heißt in erster Linie, Kinder mögen da mit ihren Eltern reingehen. In zweiter Linie heißt es: Liebe Eltern, auch für euch wird es hier nicht wirklich langweilig. Und ganz so verkehrt dürfte es nicht sein, wenn auch die Eltern mal einen Abstecher in die erstaunlich ruhige Welt dieses Films machen: Schließlich geht er, um zwei Ecken gedacht, sie vielleicht am meisten an.

"Der 200-Jahre-Mann" erzählt von der sehr sehr langsamen, eben 200 Jahre dauernden Menschwerdung eines Roboters. Warum nicht, während die lieben Kleinen sich am lieben Andrew erfreuen, den sich eine kalifornische Vierpersonen-Familie im April 2005 als vollelektronische Haushaltshilfe einkauft, sich selbst ein bisschen davonträumen - und über die Roboterwerdung des Menschen nachdenken? Zumindest über die vorübergehende, in den sogenannten produktiven Arbeitsjahren? Welche Merkmale, die sich Andrew im Laufe der Jahrzehnte so mühevoll aneignet, um ein Mensch zu werden, hat man sich längst abtrainiert - mal Hand aufs Herz (oder den Muskel, der dort ersatzweise schlägt)?

Natürlich ist der Film, der in Amerika rund 60 Millionen Dollar einspielte, also wohl doch die Kinder und ihre Eltern anzog (und die Großeltern vielleicht noch dazu), nicht so eindeutig gemeint. Er erzählt mit wirklich einfachen Mitteln von der namenlosen Maschine, die Papa den Kindern eines Tages als Android vorstellt, was "Little Miss", die jüngere Tochter, als "Andrew" missversteht, und schon hat der Roboter seinen Vornamen weg. Erzählt von dem merkwürdigen doppelten Herstellungsfehler, der dazu führt, dass Andrew ein kaputtgegangenes Glas-Pferdchen nachschnitzen kann - und will. Erzählt von seiner Lust auf Freiheit - und Liebe. Und von seinem Weg davon aus dieser Familie (und wunderlicherweise sogar von der Steckdose), fort ins Fühlen, Lachen, irgendwann auch Weinen, ins Küssen, in den Sex - "ein Wunder: Man fährt in den Himmel auf und kommt lebend zurück" - und ins eines Tages ganz angstlose Vergehen, als Mensch. Unsterblich sein oder leben: Irgendwann muss auch Andrew sich entscheiden.

Das ist alles so schlicht gedacht wie gemacht. Manchmal auch rührselig - und am Ende, wenn es denn an die Sterbehilfe als versöhnliche Pointe geht, in der Simplifizierung schon wieder ärgerlich. Und doch, warum nicht auch mal einen Film sehen, in dem die condition humaine so schlüssig und beiläufig betrachtet wird, dass man sich zeitweise durchaus nicht gegen den Strich gestreichelt fühlt? In dem Sätze vorkommen dürfen wie "Um dem Herzen folgen zu können, muss man manchmal das Falsche tun" oder "Das Geheimnis liegt in der Unvollkommenheit" oder sogar "Wie erlangt man eigentlich Freiheit?" Roboter werden kann man ja immer noch.In 16 Berliner Kinos

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