Die Volksbühne ist ein wunderbarer, großer, schwieriger Raum. Sie hingegen beschreiben eher kleinere Formen. Wie passt das zusammen?
PIEKENBROCK: Wir haben Künstler ausgesucht, die wir gut kennen. Ihnen trauen wir zu, in Tempelhof und am Rosa-Luxemburg-Platz in neue Dimensionen vorzustoßen. Außerdem habe ich aus der Jahrhunderthalle in Bochum viel Erfahrung mit ungewewöhnlichen Theaterräumen. Das Gleiche gilt für Chris Dercon mit der Turbinenhalle in der Tate Modern.
DERCON: Es geht nicht um Größe, sondern um Maßstab und Konzentration. Die Volksbühne stellt eine großartige Herausforderung dar, die Bühne selbst mit dem großen Bogen hinten ist wie eine Skulptur. Theater ist auch eine Form von Architektur, wenn Sie die Entwicklung des Theaters von der Antike über den Barock bis heute betrachten. Die Sicht auf die Bühne ist hier fantastisch, intim und zugleich groß ist dieser Raum, wie Sie es bei Stücken von René Pollesch zum Beispiel sehen, wenn nur ein Schauspieler auf der Bühne ist.
PIEKENBROCK: Mette Ingvartsen ist ja auch eine Choreografin, die konkret auf Räume reagiert. Wir laden Künstler aus und nach Berlin, um ihre Arbeiten in der Volksbühne zu entwickeln und zu verankern.
Was ist mit Regisseuren, die vor allem Theatererfahrung haben? Engagieren Sie die nicht?
DERCON: Ja, natürlich, da gibt es Johan Simons und Claude Régy. Wir wollen neben dem Sprechtheater aber auch neue Ehen stiften und Filmregisseure an die Volksbühne holen, wie den katalanischen Theater- und Filmregisseur Albert Serra. Apichatpong Weerasethakul aus Thailand wird seine Arbeit „Fever Room“ auf die Räume der Volksbühne zuschneiden. Es ist wichtig, dass es bei uns viele Regisseurinnen und Choreografinnen gibt. Theater als maskuline Veranstaltung ist Quatsch. Schade, dass man immer diese Männergeschichten auf der Bühne sieht, mit kreischenden Frauen.
Sie beschreiben eine Inszenierung von Frank Castorf.
DERCON: Wirklich? Es ist einfach nicht realistisch, nicht mit Künstlerinnen und ihren Geschichten zu arbeiten.
Sie haben angekündigt, ein Ensemble aufzubauen. Wie wird das aussehen?
PIEKENBROCK: Castorf hat etwas Einzigartiges entwickelt, worauf wir aufbauen können. Er hat einen reformierten Ensemblebegriff geschaffen. Es gibt eine gebundene Struktur, und die Regisseure, ob Christoph Marthaler oder Herbert Fritsch, sind in der Lage, sich dazu jeweils ein eigenes kleines Ensemble zusammenzustellen. Das ist keine ökonomische, vielmehr eine idealistische Version von Ensemble.
Das haben Sie jetzt wirklich schön gesagt.
DERCON: Deswegen ist es Unsinn zu sagen, wir zerstörten das Ensemble der Volksbühne. Nein, wir setzen das Prinzip Castorf fort.
Aber Sie übernehmen ein Haus ohne Repertoire, Sie können keine Stücke aus der Castorf-Zeit weiter spielen.
PIEKENBROCK: Einer der Schlüsselbegriffe unseres Programms ist das Repertoire. Ähnlich selbstverständlich wie es in einer Kunstsammlung Räume für die Klassische Moderne gibt, zeigt die Volksbühne in Zukunft Modellinszenierungen, Re-Lektüren legendärer Avantgarde-Stücke der Theater-, Tanz- und Musikgeschichte, so weit das mit Zeitzeugen, Dokumenten und Arciven möglich ist. Über die Idee dieses radical repertory antworten wir auf den Kult um das ständig Neue in der Kunst. Wir sind gegen diese konsumistische Haltung.
Wie laufen die Vorbereitungen? Anfangs hieß es ja, Sie dürften das Haus gar nicht betreten. Kommen Sie gut mit den Leuten an der Volksbühne zurecht?
DERCON: Es gibt viele, die mit uns arbeiten wollen, die uns all das möglich machen, worüber wir hier reden. Wir treffen uns regelmäßig mit dem neuen Personalrat. Es gibt schwierige Momente, klar. Unsere Kontrakte beginnen am 1. August, nach den Theaterferien, am 24. August, können wir ins Haus.
Das ist sehr spät für einen kompletten Neuanfang. Müssten Sie nicht viel früher dort anfangen können?
PIEKENBROCK: Es wird uns nicht leicht gemacht, aber wir haben zum Glück ja Tempelhof.
Haben Sie jetzt endlich mit Kultursenator Klaus Lederer gesprochen?
DERCON: Wir sind demnächst verabredet, aber ein Gespräch wird nicht reichen. Wir brauchen sicher mehrere.
Hatten Sie mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller Kontakt – der hat Sie immerhin engagiert und ist immer noch der Chef im Senat?
DERCON: Ich habe ihn angerufen, als Herr Lederer diese Sachen über mich und die Volksbühne gesagt hat. Ich glaube, Herr Lederer war sich nicht bewusst, was er damit an Spekulationen auslöst. Ich fand es auch merkwürdig, in einigen Medien immer wieder zu lesen, dass wir kein Konzept hätten. Wie wollen Sie denn unter Aufsicht der Öffentlichkeit ein Programm entwickeln?
Willkommen in Berlin!
DERCON: Ich habe so etwas noch nie erlebt. Aber das macht auch den Charme von Berlin aus.
Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.
- „Wir machen Stadttheater ohne Grenzen“
- "Repertoire ist ein Schlüsselbegriff in unserem Programm"

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