Chris Dercon will Stadt bespielen : Volksbühne in Tempelhof

In Tempelhof werden neue Quartiere für Flüchtlinge errichtet. Auch der neue Volksbühnen-Chef will auf den alten Flughafen.

Rüdiger Schaper
Chris Dercon, der künftige Chef der Berliner Volksbühne Foto: Kai-Uwe Heinrich
Chris Dercon, der künftige Chef der Berliner Volksbühne Foto: Kai-Uwe HeinrichFoto: Kai-Uwe Heinrich

Verwunderung, Ärger, Neugier waren groß, als bekannt wurde, dass Chris Dercon die Volksbühne von Frank Castorf übernehmen soll. Daraus entspann sich die heftigste kulturpolitische Diskussion seit Jahren. Was will der Mann von der Tate Gallery of Modern Art mit einem Theater? Was wird aus dem Haus, wenn der belgische Kurator 2017 antritt?

Dercon denkt nicht nur an die eine Bühne, sondern an die Bespielung des Stadtraums. Seine Idee, in Tempelhof große Kunstprojekte anzusiedeln, hat Michael Müller, den Regierenden Bürgermeister und Kultursenator, und Tim Renner, den Kulturstaatssekretär, schwer begeistert. Es hieß sogar, die Tempelhof-Vision habe den Ausschlag gegeben für Chris Dercon, nach Berlin zu kommen. Dafür soll es auch private Gründe geben, und London ist auf Dauer dann doch nicht so sexy – wie auch immer. Die Gebäude auf dem ehemaligen Flughafengelände haben es Dercon angetan, vor allem Hangar 5. Der erinnert ihn an die Turbinenhalle in der Tate Modern. Ai Weiwei und Olafur Eliasson haben dort Installationen realisiert, das Raumerlebnis ist gewaltig.

Modemessen und Festivals ziehen weg aus Tempelhof

Die Kunst geht immer mehr nach der Realität, nicht umgekehrt. Inzwischen leben Flüchtlinge in Tempelhof, bis zu 7000 Menschen könnten dort eine Bleibe finden. Das Berliner Abgeordnetenhaus hat am Donnerstag in einer Gesetzesänderung die Errichtung neuer Flüchtlingsquartiere auf dem Tempelhofer Feld beschlossen. Modemessen und Pop-Festivals, die Tempelhof nutzten, ziehen an andere Orte. Chris Dercon hält an seinen Plänen fest. Die Volksbühne will Tempelhof bespielen. Wie und wann genau – da muss man die Entwicklung abwarten.

Dass Flüchtlinge auf dem alten Flughafen untergebracht sind, soll kein Hindernis sein, vielmehr ein Ansporn, Kunst nach Tempelhof zu bringen. So heißt es aus der Berliner Kulturverwaltung: jetzt gerade! Die Volksbühne schafft Publikum nach Tempelhof, das könne dazu beitragen, der Entstehung eines Flüchtlingsgettos etwas entgegenzusetzen.

Tempelhof ist attraktiv für Kulturleute. Es gab Überlegungen, Werke aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie dort zu zeigen, während der Schließung des Mies van der Rohe-Baus, der saniert wird. Die Berliner Festwochen haben in den Hangars große Konzerte veranstaltet und Theateraufführungen.

Und so stand es Ende April 2015 bei Dercons Vorstellung im Roten Rathaus in einem schlauen Papier: "Die Volksbühne Berlin versammelt unter einem Dach Theater, Tanz, Performance, Konzert, Kino, Bildende Kunst und Kulturen des Digitalen.“ Weiter: „Die Volksbühne Berlin schafft eine programmatische Achse zwischen den zukünftigen Strategieräumen Mitte und Tempelhofer Feld/Neukölln. Gleichzeitig verbindet die neue urbane Konstellation die Architekturentwürfe der frühen Moderne von Poelzig, Kaufmann und Sagebiel mit den fluiden Architekturen der digitalen Medien.“ Manchmal kommt die Zukunft schneller als man denkt. Sie ist längst da.

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