Kultur : Christa Reinig: Sachlich in die Zukunft

Helmut Böttiger

Christa Reinig ist für die DDR dann doch zu "lakonisch" gewesen. Sicher, Brecht hat das Talent dieser Urberlinerin erkannt, doch als Mitglied der "Zukunftsachlichen Dichter" und Mitherausgeberin der in Westberlin erscheinenden Zeitschrift "Eviva Future" hatte sie in ihrer Heimatregion von Anfang an einen schweren Stand. Die Dichterin, die heute 75 Jahre alt wird, hat während des Zweiten Weltkrieges in einer Fabrik gearbeitet, danach als Blumenbinderin am Alexanderplatz - eigentlich die besten Voraussetzungen, um im Arbeiter- und Bauernstaat Furore zu machen. Doch die spezifisch berlinerische Schnoddrigkeit, die ihre lyrische Tonlage bestimmte, war nicht das, was man meinte. Das Gedicht, mit dem sie zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte, erschien deswegen 1956 in der vom nun wirklich westlichen Lyrikexperten Walter Höllerer herausgegebenen Anthologie "Transit" - es hieß "Ballade vom blutigen Bomme", wurde seither immer wieder in Lesebüchern abgedruckt und ist das Markenzeichen, das bis heute mit ihr verbunden wird.

1960 erschien in der Düsseldorfer "Eremiten-Presse" der Gedichtband "Die Steine von Finisterre", der 1974 noch einmal aufgelegt wurde, 1963 folgte dann bei S. Fischer der Band, der einfach nur "Gedichte" hieß und für den sie 1964 den Bremer Literaturpreis bekam. Heinz Ohff schrieb damals sehr treffend im Tagesspiegel, die sparsamen, kargen Gedichte seien "wie Kreidezeichnungen von Kindern auf düsteren Hinterhöfen". Nach der Entgegennahme des Preises, die ihr von den DDR-Behörden erlaubt worden war, blieb sie in der Bundesrepublik.

Mit ihren Büchern "Orion trat aus dem Haus" und "Schwalbe von Olevano" setzte sie hier ihre einmal aufgenommene Linie fort, und die charakteristische Spannung aus den zarten Tönen und dem herben, kantigen Sound, in den sie sich immer wieder mischten, fand viel Anerkennung. "Robinson" heißt eines ihrer bekanntesten Gedichte. Der Titelgebende "kratzt mit einer muschelkante / seinen namen in die wand / und der allzu oft genannte / wird ihm langsam unbekannt".

Als biografisches Schlüsselwerk gilt der Roman "Entmannung" aus dem Jahr 1976: Er passte in die beginnende Breitenwirkung der feministischen Bewegung in der Bundesrepublik und bereitete ihr öffentliches Bekenntnis als Lesbierin vor; dokumentiert wird dies im Interviewband "Erkennen, was die Rettung ist" (1986). Es ist in den letzten Jahren eher ruhig geworden um die Dichterin, die seit ihrer Ausreise aus der DDR in München lebt. In der "Eremiten-Presse" sind aber immer wieder Texte von Christa Reinig erschienen. Sie stehen ziemlich quer in der gegenwärtigen deutschen Literaturlandschaft.

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