Kultur : "Christen mögen unsere Kunst"

Sie lieben es skurill: Das britische Künstlerduo Gilbert & George gibt ein humorvolles Interview über Benimmregeln, Moral und ihre Berliner Ausstellung in der Galerie Arndt & Partner

Nicola Kuhn
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Hauptsache korrekt gekleidet. Das Duo in der Galerie Arndt & Partner. Foto: Thilo Rückeis

Seit zwölf Jahren sind Sie zum ersten Mal wieder in Berlin. Damals nahmen Sie an einer Überblicksschau im Martin-Gropius-Bau teil. Warum kommt es erst jetzt zur eigenen Ausstellung?

GILBERT: Uns hat keiner gebeten.

GEORGE: Das ist uns überall in Deutschland passiert. Wir wurden nur eingeladen, wenn ein Nichtdeutscher Museumsdirektor war.

Und was war der Grund dafür?

GILBERT: Nach 1980 entdeckten die Ausstellungsmacher die deutsche Kunst. Seitdem wurde vornehmlich deutsche und amerikanische Kunst gezeigt.

Aber die Young British Artists waren ein großer Erfolg in Deutschland.

GILBERT: Das war eine Generation später. Aber jetzt sind wir ja da.

Auch in London wurden Sie erst spät offiziell wahrgenommen. Ihre Retrospektive in der Tate Modern fand 2007 statt. Zwei Jahre zuvor haben sie Großbritannien auf der Biennale in Venedig repräsentiert.

GEORGE: Das Verrückte an Venedig war, dass jeder glaubte, wir hätten den Englischen Pavillon bereits bespielt, weil es uns schon so lange gibt.

Auch diesmal sind Sie dabei, in der großen Biennale-Schau, allerdings mit einer Arbeit von 1970. Wären Sie lieber mit einem neuen Werk vertreten?

GEORGE: Wir wurden nicht gefragt. Der Kurator hat sich die Arbeit woanders ausgeliehen. Wir akzeptieren das, aber finden es merkwürdig, als historische Größe zu gelten. Es gibt gegenwärtig eine Mode, Altes wieder vorzuführen.

GILBERT: Plötzlich beziehen sich alle auf 68. Dahinter steckt Romantizismus.

Verbirgt sich dahinter nicht Unsicherheit? Nach dem Hype begeben sich die Kuratoren auf unvermintes Terrain.

GILBERT: Wir befanden uns immer schon außerhalb der Establishments. Wir haben unsere eigene G&G-Welt kreiert, unsere Sicht auf Kunst.

Also fühlen Sie sich auch jenem Kunstaufbruch der sechziger und siebziger Jahre fern, den Sie mit anderen Künstler jener Zeit auf der Biennale-Ausstellung „Weltenmachen“ repräsentieren?

GILBERT: Wir haben für uns etwas völlig anderes erfunden. Wir sind selbst zum Kunstsubjekt geworden. Wir sprechen direkt zum Betrachter. Wir hatten nichts mit Minimal oder Konzept zu tun, diese Buchstabenkunst ohne Gefühl.

Ihr Düsseldorfer Galerist Konrad Fischer war 1970 höchst unglücklich, weil seiner Putzfrau Ihre Kunst so gut gefiel.

GILBERT: Die Anekdote beschreibt genau, wie elitär das damals war. Man glaubte, mit der Kunst könne etwas nicht stimmen, wenn sie ansprechend wäre.

GEORGE: Es gibt auch eine aktuelle Version dieser Geschichte. Als vor zehn Jahren Kunst populärer wurde, begannen sich auch unsere Freunde aus Bangladesh, unsere Nachbarn in Spitalfields dafür zu interessieren. Aber sie merkten bald, dass sie nicht gemeint waren, dass ihre Probleme – Drogenmissbrauch, religiöse Radikalisierung – nicht vorkamen. Sie passen nicht ins System. Wir haben sie später in ein Werk aufgenommen.

Verbirgt sich darin auch das Hauptmotiv Ihrer Arbeit: das Verhältnis Gesellschaft – Individuum?

GILBERT: Wir untersuchen, welchen Zwängen der Mensch ausgesetzt ist. Die Kirche versucht bis heute vorzuschreiben, wie wir uns zwischen unseren Beinen zu verhalten haben. Wir sind die erste Generation, die sich widersetzt.

GEORGE: Deshalb nennen wir uns auch christlich säkularisiert. Wir spüren immer noch die Erwartungen, fühlen uns indoktriniert. Das gilt für alle möglichen Institutionen, die Polizei, die Krankenhäuser. Wir sind Teil des Systems, ob wir es mögen oder nicht.

Verstehen Sie Ihre Arbeiten als Analyse dieser Situation?

GILBERT: Wir beschäftigen uns mit ihr, ohne zu predigen. Wir überlassen es dem Betrachter, selbst zu urteilen. Bei uns gibt es keine klare Botschaft.

GEORGE: Deshalb mögen sogar Christen unsere Bilder. Bei unserer „Son of the God“-Ausstellung in London bat uns ein Besucher, den Katalog für seinen Vater zu signieren, der Priester ist. „Er liebt Ihre Kunst“, erklärte er. Eine andere Besucherin, eine erklärte Christin, bedankte sich bei uns, weil wir die richtigen Fragen stellen würden.

GILBERT: Wir sind stolz darauf, dass wir von einem kunstfernen Publikum angenommen werden. Wir machen nicht „L’art pour l’art“, sondern beschäftigen uns mit dem Leben.

Werden Sie nicht attackiert angesichts der Direktheit, mit der sie Sexualität, insbesondere Homosexualität, behandeln?

GILBERT: Oder auch den Nationalismus, wie in unserer Berliner Ausstellung, die sich mit dem Union Jack, der britischen Fahne, beschäftigt.

Und das bringt niemanden gegen Sie auf?

GILBERT: Nein. Man behandelt uns stets freundlich. Wir sind schließlich zwei Gentlemen.

Dient dieses Image, Ihr distinguiertes Auftreten als Paar mit fast gleichen Maßanzügen, nicht gerade als Schutzschild?

GEORGE: Wir wollen niemanden befremden. Eine ältere Dame sagte mir einmal, dass sie nicht wüsste, was sie von unseren Bildern halten sollte, aber wir wären korrekt angezogen.

GILBERT: Eigentlich geht es um Moral, weniger um Kunst: darum, wie wir uns gegenüber unseren Nächsten verhalten.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Kunst tatsächlich etwas verändern können?

GEORGE: Sicher. Wir haben es schon getan: nicht die Kirche, die Politiker. Aber wir eröffnen neue Wege des Denkens.

Und der Kunstproduktion. Schließlich verstehen Sie sich als „Lebende Skulpturen“. Wie kamen Sie darauf?

GILBERT: Das war eine enorme Erfindung, wenn auch eher zufällig. Als wir die St. Martin’s School of Art verließen, wollten wir eine Ausstellung machen, aber keine Galerie nahm uns.

GEORGE: Wir hatten weder Atelier noch Geld, nur uns. Da haben wir uns selber genommen und zum Song „Underneath the Arches“ mit Goldfarbe überzogen stundenlang auf einem Tisch posiert.

Ist es nicht ermüdend, immer „Lebende Skulptur“ zu sein?

GILBERT: Nein, für uns ist das normal. Es ist doch fantastisch, wie wir uns aus diesem Vakuum heraus kreiert haben. Wir sind immer etwas Besonderes.

GEORGE: Wir genießen einen enormen Respekt in unserer Nachbarschaft, jeder mag uns da, der Tramp, der Gemüsehändler, die kleine Sekretärin. Die Cockney-Leute, die ursprünglich dort immer gelebt haben, lieben uns.

GILBERT: Nur die Kunstkritik, die hat immer über uns die Nase gerümpft.

Warum das?

GILBERT: Die Kunstjournalisten in England sind homophob, tarnen es allerdings als Kritik. Die „Sunday Times“ hat uns „Schwule in Anzügen“ genannt. Das würde man niemals über einen heterosexuellen Maler schreiben. Unsere Bilder bringen die Bigotterie der Liberalen zum Vorschein und das Liberale der Bigotten. Ein Cockney-Taxifahrer, der moderne Kunst für Schrott hält, mag unsere Kunst.

GEORGE: Uns gefällt, dass es diese Auseinandersetzung noch gibt. Deshalb haben wir bis heute nicht aufgegeben.

GILBERT: Darum mögen junge Leute unsere Kunst, weil wir wie sie mit der Erwachsenenwelt kämpfen.

Die aktuelle Ausstellung Jack Freak Pictures ist noch bis zum 18. September in der Galerie Arndt & Partner zu sehen, Invalidenstraße 50-51, Dienstag bis Samstag 11-18 Uhr

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