Christian Kracht : Laut schweigen vor Veröffentlichung

Marketing ist alles: Wie Verlage versuchen, die Einhaltung von Sperrfristen durchzusetzen - und nur zu gern selbst Ausnahmen machen. Aktuell schön zu verfolgen am Beispiel von Christian Krachts Roman "Die Toten"

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Der 1966 geborene Schweizer Schriftsteller Christian Kracht.
Der 1966 geborene Schweizer Schriftsteller Christian Kracht.Foto: Frauke Finsterwalder/Verlag Kiepenheuer & Witsch

Der Tag, an dem ich Christian Krachts Roman „Die Toten“ beim Verlag Kiepenheuer & Witsch bestellte, war ein angenehm frischer im andalusischen Cádiz; es hatte gut auszuhaltende 28, 29 Grad, die Sonne schien, und vom Atlantik wehte ein nicht unkräftiger Wind in die Stadt. Es war Dienstag, der 30. August. Zwei Tage zuvor hatte man Kracht in Deutschland in der ARD sehen können, wie er, gewissermaßen in den Hügeln von Los Angeles stehend und auf die Stadt schauend, mit Denis Scheck über seinen Roman redete, in dessen Büchersendung „Druckfrisch“. Kracht sprach über die Dreiteilung von „Die Toten“, über Charlie Chaplin in Japan, über den von ihm erfundenen Schweizer Filmregisseur Emil Naegeli und dass dieser dann in Japan keinen Gruselfilm, sondern eine Art „Pseudo-Dokumentation“ dreht.

Das mit dem „Druckfrisch“-Auftritt wusste ich gar nicht, als ich einen Tag später die Antwort vom Verlag mit dem Hinweis erhielt, doch bitte vor der elektronischen Zusendung des Kracht-Romans eine Erklärung zu unterschreiben, das Buch „vertraulich“ zu behandeln, „strengstes Stillschweigen über den Inhalt des Werkes“ zu wahren, und zwar bitte schön bis zum 8. September.

Was ich ebenfalls nicht wusste, das ist ja das Schöne an einem Urlaub, dass trotz Internet und alldem die mediale Wahrnehmung eine selektive ist und auch sein muss: Am Donnerstag, den 1. September, genau eine Woche vor Erscheinen des Romans, sollte die Wochenzeitung „Die Zeit“ ihr Feuilleton mit einer Begegnung mit Kracht aufmachen, inklusive einer durchaus literaturkritischen Beurteilung von „Die Toten“.

Hier ein Interview, dort ein Porträt - alles weit vor der Veröffentlichung

Weil ich die Erklärung an dem Mittwoch nicht unterschrieb, bekam ich kein elektronisches Kracht-Vorabexemplar. Das ist verwunderlich, da „Druckfrisch“ eben gesendet war und die große „Zeit“-Geschichte kurz vor der Veröffentlichung stand. Ich hätte mich beeilen müssen mit dem Lesen, Schreiben, Inhaltverraten und Sperrfristdurchbrechen, zumal das alles schon geschehen war.

Nun dürfen sich die Verlage gern ärgern darüber, dass die Zeitungsredaktionen und TV- und Radiosender aus Konkurrenzgründen manches Wichtigwichtigbuch oft eine Woche, bisweilen auch zwei Wochen vor dem offiziellen Erscheinungstermin rezensieren – nur machen die Verlage dieses Spiel selbst gern mit. Marketing-Kampagnen nennt man das, aber auch: das Heft des Handelns in der Hand behalten. Sie versprechen hier ein Interview, vermitteln dort ein Treffen, dort wieder einen Vorabdruck, und verschicken nicht zuletzt wegen solcher Verabredungen diese Sperrfristeinhaltungserklärungen zur Unterschrift. Wie sähe es aus, wenn noch jemand anderes vorpreschen würde! Das würde, wie in diesem Fall, die ARD oder die „Zeit“ vielleicht nicht so amüsieren. Die Sperrfristen sind das eine – aber das Buch muss doch auch „ins Gespräch“, am besten geballt, innerhalb von zwei, drei Wochen, so sehen es die Verlage am liebsten. (Und am Ende des Tages dient leider Gottes selbst ein Artikel wie dieser hier dazu, das Buch im Gespräch zu halten. Läuft also).

Wer liest in vier Jahren noch "Die Toten"

Das lesende Publikum aber hat davon nicht viel. Und wundert sich erst mal, das Buch nicht kaufen zu können. Womöglich vergisst es das Buch später, weil wieder von so vielen anderen Wichtigwichtigbüchern die Rede ist – was all den Marketinginszenierungen wunderbar Hohn sprechen würde. Aber das entspricht nicht der Realität. Die hat jedoch glücklicherweise noch andere Facetten. Neulich fragte mich ein durchaus an der Literatur interessierter, aber wegen seines Berufes nicht mehr so richtig dem Medienkonsum zusprechender Freund, ob ich schon mal etwas von dem norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård gehört hätte? Dessen Bücher „Sterben“ und „Lieben“ würde er gerade mit Begeisterung lesen. „Sterben“ erschien 2012 auf Deutsch, „Lieben“ ein Jahr später.

Wie das bei Krachts Roman sein wird? Ob den noch jemand in vier Jahren für sich entdeckt? Nach nun doch erfolgter Lektüre muss ich sagen: nein. In Andalusien war es übrigens weiterhin schön, bei steten 28, 29 Grad, dafür weniger Wind.

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