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Christian Krachts neuer Roman : Im Zeichen der Kokosnuss

15.02.2012 13:35 UhrVon Jörg Magenau

Christian Kracht spürt mit seinem Roman „Imperium“ deutschen Kolonialsehnsüchten nach. Es ist die Geschichte des August Engelhardt, ein weiterer Vertreter im Krachtschen Kosmos, in dem Zvilisierte auf "exquisite" Barbaren stoßen

Dass menschenfressende Südsee-Insulaner ziemlich lächerlich wirken, gehört zum Prinzip

Die Ereignisse, die in den Geschichtsbüchern stehen, bleiben dabei weitgehend ausgespart. Auf einer abgelegenen Insel im Pazifik beginnt selbst der Erste Weltkrieg, in dem die deutschen Kolonien zügig untergingen, nur als fernes Gerücht. Krachts abgeklärter Erzähler, der mit mildem Spott von jenseits der Zeiten spricht, schildert dieses Ereignis so: „Erst läuft also dieser Student Gavrilo Princip, nachdem er in Moritz Schillers Café hastig ein Schinkenbrot hinuntergeschlungen hat, hinaus auf die Straße jener kleinen, beschaulichen Stadt auf dem Balkan und schießt aus nächster Nähe, Stücke des Sandwichs noch im Mund, Brotkrümel noch im spärlichen Moustacheflaum, mit dem blanken Revolver mittenmang auf den verhassten Despoten und seine Frau Sophie. Dann kommt, gelinde gesagt, eins zum anderen.“ Nicht nur hier meint man, einen Film mit Buster Keaton oder ähnlichen Heroen des Absurden vor sich zu sehen. Komik ergibt sich immer wieder aus der Umkehrung von Hauptsachen und Nebensachen: Aufstieg und Niedergang von Weltreichen ist, gelinde gesagt, ohne Schinkenbrot und Krümel im Mund, nicht angemessen zu begreifen.

Kolonialherren und Eingeborene stellt er in etwa so dar, wie sie auf alten Zigaretten-Sammelbildern ausgesehen haben. Sie sind zu Witzfiguren umgebaute Klischees und sollen das auch sein. Dass menschenfressende Südsee-Insulaner oder indische Rikschah-Fahrer also ziemlich lächerlich wirken, gehört zum Prinzip. Das für Rassismus zu erklären, wie es Georg Diez gerade im „Spiegel" getan hat, heißt, aus einer ziemlich tauben Kokosnuss einen Skandal zu zimmern.

Bei Kracht wird alles zu Stil. Er erzählt selbst die groteske, tragische Lebensgeschichte des August Engelhardt weniger um der Story willen, als aus Lust an der Komik einzelner Situationen und Figuren und aus Freude an geschliffenen Sätzen. Seine Sprache passt sich den historischen Vorbildern an; sie ist jugendstilhaft gespreizt, betont altmodisch und ganz und gar parodistisch. Lustig ist das, auch wenn die Parodie gewissermaßen in der Luft hängt: Wer zielt da worauf und warum? Macht der Autor sich damit etwa über sich selbst lustig? Oder zielt er auf alle Glaubensanhänger von was auch immer, die noch nicht, wie sein spätgeborener Erzähler, zu den „Nichtgnostikern“ gehören? Der gebürtige Schweizer Christian Kracht ist der Weltbürger unter den deutschsprachigen Literaten. Bei seinen öffentlichen Auftritten bevorzugt er die Rolle des Dandys, der eine distinguiert-blasierte Gelangweiltheit zur Schau stellt. Aber das ist, wie alles, nur Attitüde, Stil und Distinktionsmerkmal. Literarisch gibt der parodistische Stil vor allem das eigene Darüberstehen zu erkennen. Was er „wirklich“ ist, was er verbirgt oder bedeutet, lässt sich nicht sagen. Vielleicht ja nichts als Leere.

Bei „Imperium“ handelt sich um eine der Kolonialzeit durchaus angemessene, arroganzgewürzte Herrenprosa, die sich an der eigenen Kunstfertigkeit erfreut, ohne Gefahr zu laufen, selbst in ihren Gegenstand verstrickt zu werden. So ist diese Abenteuergeschichte am Ende selbst nicht mehr als ein stolzer, nicht unflotter Dampfer, der die Wellen des Pazifiks durchpflügt, dort aber ganz bestimmt keinerlei Spuren hinterlassen wird.

Christian Kracht: Imperium. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 256 S., 18,99 €

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