Christian Thielemann : Ich will da rauf

Christian Thielemann führt ein „Leben mit Wagner". Schon als Jugendlicher hat er Bayreuth fest im Blick gehabt - und jetzt ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben.

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Hier gilt’s der Kunst. Der blutjunge Christian Thielemann 1982 bei einer Probe zum „Fliegenden Holländer“ neben Karajan am Klavier. Außerdem im Bild (von links): Peter Hofmann, Peter Alward, Michael Glotz, José van Dam. Foto: Karajan Archiv/Lauterwasser
Hier gilt’s der Kunst. Der blutjunge Christian Thielemann 1982 bei einer Probe zum „Fliegenden Holländer“ neben Karajan am...

„Den Rest des Tages bin ich durch die Stadt getaumelt, wie im Delirium, unter diesem stahlblauen venezianischen Winterhimmel. Völlig verzückt, wunschlos glücklich: Ich hatte das ,Tristan'-Vorspiel dirigiert!“ Wir schreiben das Jahr 1981, der 22-jährige Christian Thielemann ist dem Dirigenten Peter Maag ans Teatro La Fenice gefolgt, als Assistent bei einer Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“. Hier, am authentischen Ort, wo Richard Wagner 1858 das Liebesduett des 2. Akts komponiert hat, darf „der Grünschnabel mit den hochtrabenden Flausen im Kopf“ einige Proben leiten: „An jenem Vormittag ließ ich das Vorspiel dreimal hintereinander durchspielen und war danach dermaßen außer mir und bis auf die Knochen nassgeschwitzt, dass ich abbrechen musste.“

Als Pubertierender bereits hat Thielemann sich entschieden: für Richard Wagner und gegen Gustav Mahler. Also für „den eher Lebensbejahenden“ und gegen „den eher Lebensverneinenden“, für die Utopie und gegen die „Verlockungen des Abgrunds“. Alle Bemühungen seiner Großmutter, den Jungen an die frische Luft zu locken, scheitern. Denn er will im elterlichen Haus in Berlin-Schlachtensee einfach nur am Flügel sitzen und sich durch die Wagner-Klavierauszüge pflügen. Die Schule läuft nebenbei. „Halb galt ich als Wundertier, halb als Aussätziger, und was das Schlimmste war, weder das eine noch das andere hat mich groß bekümmert.“

Als 19-Jähriger wird er Probenpianist an der Deutschen Oper, assistiert zu Ostern 1980 Karajan in Salzburg beim „Parsifal“, im Sommer 1981 Barenboim beim „Tristan“ in Bayreuth. Und tritt die Ochsentour durch die Provinztheater an: Gelsenkirchen, Karlsruhe, Hannover, Düsseldorf, mit 29 dann Musikchef in Nürnberg. Engagements führen ihn nach Italien und in die USA, er begleitet die Deutsche Oper auf eine Japantournee – „nur ein kleines oberfränkisches Städtchen schwieg beharrlich, und das irritierte mich.“

Selbstverständlich sind die Bayreuther Festspiele das Ziel des wagnerwütigen Kapellmeisters. Im Sommer 2000, da ist er längst Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper Berlin, kann er dann – endlich! – auf dem Grünen Hügel debütieren, seitdem hat er 100 Aufführungen dort geleitet.

Christian Thielemanns Fühlen und Denken kreist um den Kosmos des Musikdramatikers. Darum heißt sein erstes Buch „Mein Leben mit Wagner“. Es ist einerseits eine heißblütige Liebeserklärung an „seinen“ Komponisten, andererseits aber auch eine Rede an die Musiknation. Christine Lemke-Matwey, die langjährige Tagesspiegel- und jetzige „Zeit“-Redakteurin, hat Thielemann geholfen, seinen Gedanken Struktur zu geben. Im Nachwort dankt der Dirigent der Journalistin, „dass sie aus den oft verschlungenen Gesprächsfäden den Text dieses Buches komponiert hat“.

Und in der Tat: Auch wenn Thielemann hier durchgehend in Ich-Form spricht, auf seine bekannte Art, also sehr direkt und bodenständig, so entdeckt der langjährige Leser von Lemke-Matwey-Artikeln doch in so mancher gedanklichen Volte, mancher ziselierten Formulierung auch den Stil der Bearbeiterin. Was die ohnehin sehr anregende Lektüre noch spannender, kurzweiliger macht.

„Mein Leben mit Wagner“ will, wie gesagt, vieles sein. Ein veritabler Opernführer beispielsweise, natürlich streng beschränkt auf Richards Werke, die Thielemann auf 122 der 300 Seiten erklärt, einschließlich sehr persönlicher CD-Hörempfehlungen. In den übrigen Kapiteln kann man den – wiederum aufs Wagner-Universum fokussierten – Lebenslauf des Künstlers nachvollziehen, viel über Partiturstudium und Aufführungspraxis lernen oder sich an Thielemanns Umgang mit dem „so genannten Weltanschaulichen“ reiben. „Ich kann Richard Wagner musikalisch für den Missbrauch, den die Nazis mit seinem Werk betrieben, nicht haftbar machen", schreibt er. „Ich kann die ,Meistersinger' nicht mit spitzen Fingern dirigieren – ich kann nur ganz die Finger von ihnen lassen.“

Letzteres kommt selbstverständlich für ihn nicht infrage. Also taucht Thielemann weiter tief in den Taumel der Töne, auch in seinen beiden neuen Funktionen als Chef der Dresdner Staatskapelle seit diesem Herbst sowie künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele ab 2013. Und er erklärt in seinem Buch, wie es dieser „ultimative Meister der Hexenküche“ schafft, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Diese Berichte aus dem Klanglabor, dem originalen wie auch aus seinem, dem nachschöpfenden, bleiben übrigens auch für interessierte Laien stets nachvollziehbar.

Am Unterhaltsamsten aber wird es dort, wo Thielemann den Leser mit nach Bayreuth nimmt. Gern steigt man mit ihm in die „Verbrechergalerie“ hinab, den Gang zwischen der Kantine und dem Festspielhaus, lässt sich dort Anekdotisches zu den Fotos der Maestri erzählen. Man erfährt, dass im Bayreuther Graben Verhältnisse wie im englischen Straßenverkehr herrschen: Aus akustischen Gründen nämlich sitzen die 2. Geigen links vom Dirigenten statt wie sonst üblich rechts. Staunend liest man dann, dass bei den Proben die im Saal verteilten Assistenten bei Lautstärkeproblemen den Dirigenten sofort anrufen, der dann mit der Linken den Hörer ans Ohr hält, während in seiner Rechten der Taktstock weitertanzt. Wunderbar schließlich die Geschichte, wie Thielemann nach einer „Götterdämmerung“ in der Garderobe splitternackt aus der Dusche tritt, und sich Wolfgang Wagner gegenüber sieht, der sofort seine Anmerkungen zum Abend loswerden will und sich auch nicht vom zaghaften Einspruch des errötenden Maestro stoppen lässt.

Dann aber wird Thielemann auch wieder ganz ernst. Wenn es nämlich darum geht, wie jemand, der das Musikdrama so bedingungslos liebt wie er, bei der Arbeit im Orchestergraben mit seinen Emotionen umgehen soll, gerade auf dem Grünen Hügel, wo der Erwartungsdruck der versammelten Wagnerianer auf einem lastet. „Erst im Konflikt mit meinem musikalischen Gefühlshaushalt habe ich gelernt zu disponieren. Ich musste plötzlich planen, vorausdenken, konnte mich nicht bloß dem Augenblick überlassen. In Bayreuth bin ich, wenn man so will, erwachsen geworden.“

Christian Thielemann: Mein Leben mit Wagner. C.H. Beck München 2012, 320 Seiten, 19,95 Euro. Ab Oktober auch als Hörbuch lieferbar, gelesen von Ulrich Tukur.

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