Kultur : Christine Hill in der Berliner Galerie Eigen + Art

Elfi Kreis

Sie war Masseuse, Schuhputzerin, Model und Kellnerin. Als fliegende Händlerin mit Bauchladen trat Christine Hill auf und als Sängerin der Band "Bindemittel". Seit die amerikanische Künstlerin 1991 nach Berlin kam, erfindet sie sich und ihre soziale Rolle ständig neu: ein Wechselspiel mit Festlegungen auf Zeit, stets auf dem (Gedanken-) Sprung in andere Lebensbereiche, Arbeitszusammenhänge mit eigenen Denkmustern. Als Teilnehmerin der documenta X machte ihre "Volksboutique" Hill dann schlagartig international bekannt. Von der ersten Ausstellung "Hinter den Museen" im Tacheles bis zur jüngsten Beteiligung an "Talk.Show" im Münchner Haus der Kunst: die 31-Jährige hat es weit gebracht.

Über und über ist die linke Galeriewand bei Eigen + Art mit handgestempelten Blättern bedeckt. Mit ihrer neusten Arbeit "Back Catalog" zieht Hill eine Bilanz ihres bisherigen Schaffens. Sie plakatiert bereits abgeschlossene und gerade begonnene Projekte, Ideen und Pläne. Hill will die Arbeitsweise der "Volksboutique" mit anderen Mitteln fortschreiben und propagiert "Good health, good clothing and happiness". 1995 hatte sie bei in der Galerie Eigen + Art ihr "Volksboutique"-Büro eingerichtet. Im Jahr darauf eröffnete sie ihren Laden in der Invalidenstraße, der aussah wie ein Second-Hand-Geschäft. Die Künstlerin als Ladeninhaberin beriet beim Kleiderkauf, nannte Preise, tütete Waren ein. Normale Kunden auf der Schnäppchenjagd nach billigen Klamotten mischten sich unters Kunstpublikum. Ihnen lag fern, Einkaufen als Kunstaktion zu sehen, sich selbst als Teil eines Kunstprozesses im Zeichen von Austausch und Kommunikation zu begreifen.

Ein Zwischenbereich, der für Irritationen sorgte, das Projekt gerade spannend machte. Im praktischen Feldversuch wurde die Frage erprobt: Wieweit kann Kunst sich ins Leben einmischen, dem Alltag anpassen, ohne dass ihr Kunstcharakter zur Unkenntlichkeit verblasst? Kann sie Anerkennung als "business as usual" gewinnen, ohne dabei die als Kunst zu verlieren? Im Vergleich zu den zwischen Aktion, Performance, Installation im Alltagsleben verankerten Projekten wirkt "Back Catalog" nüchtern, beinahe buchhalterisch. Der Magie der Millenniumsnullen mag sich Hill nicht entziehen - bis zum aufgestempelten "January 2000" dokumentiert sie den "Stand der Dinge" im Querschnitt durch ihr "Artslut"-Archiv. "Artslut", "Kunstflittchen", lautet Hills (gesetzlich geschützter) Arbeitsname. Sie verkündet "Produktionsregeln" und Schlüsselbegriffe für "Lebensstil" wie "Your happiness is project enough". Ein Einkaufszettel mutiert zum Ideennotat, Zitate und Gedankenbruchstücke zu Zukunftsplänen.

In den USA will Hill ihre eigene Talkshow produzieren. Zunächst als Pilotaufzeichnung mit dem Ziel, sie als Fernsehshow zu etablieren. Ein erster Schritt zu diesem Projekt war der "Tourguide": Stadtführungen in New York, bei denen sie statt bekannter Sehenswürdigkeiten die Touristen das Außergewöhnliche im Alltäglichen entdecken ließ: einen Süßwarenladen in Chinatown oder ein Obdachlosenasyl. Für Berlin bereitet Hill eine Modenschau besonderer Art vor: mit Modells, die statt Kleidern ihre Wünsche und Sehnsüchte vorführen. Wenn Hill etwas fehlt, funktioniert sie die Galeriewände zum Schwarzen Brett um und macht bekannt, wonach sie sucht: "Volksboutique would like our own "Baucontainer". If you can help, call 030 280 66 05". Aktuell fahndet sie nach einer Professur an einer deutschen Kunsthochschule. Ihr Werk, so Hill, "erfreue auch das Auge". Es kann in Gruppen von zehn Drucken (7000 Mark) gesammelt werden. Am Besten aber sei: "Collect them all!" Was für Hill ungewöhnlich ist und fast schon nostalgisch anmutet - der Kunstsammler kann richtig konventionell Papierarbeiten erwerben und unterm Arm nach Hause tragen.Galerie Eigen + Art, Auguststr. 26

bis 26. Februar; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

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