Christine Schäfer : Amor & Eros

Der Tod ist ihr wieder ein fahler Gesell: Nach der "Winterreise", nach Schuberts Mondnächten und Hugo Wolfs morbiden Liedern bringt Christine Schäfer Ausschnitte aus ihrem Purcell-Crumb-Konzeptalbum und Trauergesänge von Richard Strauss in die Staatsoper mit. Und wieder ist die Melancholie eine Schwester der Koketterie, wieder überführt Schäfer jegliche Schwermut in den Schwebezustand des Staunens.

Christiane Peitz

Gesang als Manifestation des Unbegreiflichen: Mit ihrer kristallglasklar deklamierenden Stimme lauscht die 44-jährige Sopranistin den Worten nach, seziert mit feinem Besteck Henry Purcells Bruchstücke einer Sprache der Liebe und verschmelzt beim avantgardistischen Romantiker George Crumb den Naturlaut gurrender Vögel mit delikatestem Kunstton. Vorsicht, zerbrechlich!, möchte man flüstern, aber im nächsten Moment kippt das Kapriziöse in freche Kapriolen. Die Elfe als Göre, klirrender Schmerz, verschmitzte Selbstironie. Und Eric Schneider, dieser unerhört aufmerksame Liedpianist, zaubert himmlische Gefilde für die Eisprinzessin, umschmeichelt und umwebt ihren Gesang mit Arpeggien-Gespinsten, eröffnet Echoräume, tuscht Aquarell-Landschaften und klopft bei Crumb behutsam auf Holz.

Das Ereignis des umjubelten Abends sind jedoch Strauss’ frühe Klavierlieder. Von Klopstocks „Rosenband“ über Heines „Frühlingsfeier“ mit den markerschütternden Rufen nach dem toten Adonis bis zu „Allerseelen“ ordnen auch sie sich zu Gesängen vom Verstummen, von Sehnsucht und Verlust. Wie bei der „Winterreise“ übernimmt Schäfer den Männerpart, singt von den bleichen Wangen des Mägdleins, spielt ein betörendes Verwirrspiel mit den Geschlechterrollen. Wieder ist Ironie dabei und Heidenspaß, aber am Ende besiegt Eros den kindlichen Amor. Schäfer singt auf Risiko, scheut die Blöße nicht und gibt sich bedingungslos der Liebespein des anderen Geschlechts hin. Bebende Trauer, die Erotik der Verzweiflung – wenn das nicht große Oper ist. Christiane Peitz

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