Christoph Hein zum 70. : Homer und Humor

Fröhlich intellektueller Skeptiker: Dem Schriftsteller Christoph Hein zum 70. Geburtstag

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Foto: Christoph Hein in jungen Jahren
Foto: Christoph Hein in jungen JahrenFoto: dpa

Mindestens drei der neun griechischen Musen sind dem Schriftsteller Christoph Hein hold, und das nicht nur an seinem 70. Geburtstag, den er heute feiert, sondern seit Jahrzehnten: Klio, die Muse der Geschichtswissenschaft, Thalia als Zuständige für die Komödie sowie Kalliope für die epische Dichtung. Dass er mit den Töchtern von Göttervater Zeus und Mnemosyne auf dem Duzfuß steht, bewies Hein eindrucksvoll vor gut einem Jahr im Ägyptischen Museum in Leipzig.

Bei der Lesung aus seinem Erzählungsband „Vor der Zeit. Korrekturen“ war der Besucherandrang so groß, dass die kostbaren Exponate zu erzittern drohten. Doch bald waren die Zuhörer reglos gebannt von Heins zwischen heiterer Frivolität und vertracktem Moralismus pendelnden Neuinterpretationen Homers. Dabei drängte sich die Frage auf, ob der unbestechliche Chronist der Gegenwart, als der Hein stets zu Recht und doch etwas reflexhaft gepriesen wird, nicht den höchst vergnüglichen Autor verdeckt? „Ja, ich gehöre in die Reihe der Humoristen“, antwortete er erleichtert. Sein Sohn Jakob hat diesen Weg direkt eingeschlagen.

Bei Leipzig handelt es sich um eine Art Heimspiel für Hein – und für die Figuren aus seinen Romanen wie „Der Tangospieler“ (1989) und „Weiskerns Nachlass“ (2011). In beiden Büchern kollidieren Leipziger Dozenten mit der Wirklichkeit – im ersten Fall mit der Willkür der DDR-Staatsmacht, im anderen mit dem bundesdeutschen Finanzamt und dem Kaputtsparen der Geisteswissenschaften.

Mit "Der fremde Freund" schrieb er sich in die erste Reihe der DDR-Schriftsteller

Christoph Hein wurde am 8. April 1944 als Sohn eines Pfarrers im niederschlesischen Heinzendorf geboren. Nach der Flucht der Familie wuchs er in Bad Düben bei Leipzig auf, durfte aber wegen seiner „bürgerlichen“ Herkunft in der DDR nicht das Gymnasium besuchen. Er ging auf ein West-Berliner Internat und studierte ab 1967 Philosophie und Logik. Benno Besson holte ihn an die Berliner Volksbühne, zunächst als Dramaturg, dann als Hausautor. 1974 debütierte Hein mit der Komödie „Schlötel oder Was solls“ über das Scheitern eines utopiebeseelten Intellektuellen an seiner Brigade. Seit 1979 arbeitet er frei.

Die unbarmherzig genaue Einfühlung in den tristen Alltag einer alleinstehenden Ost-Berliner Klinikärztin in der Novelle „Der fremde Freund“ beförderte ihn 1982 in die erste Reihe der DDR-Schriftsteller. Die symbolische Sprengkraft dieses Buches war gewaltig, denn es offenbarte die Vereinzelung des Individuums ausgerechnet im Sozialismus.

Eine ähnliche politische Tiefenwirkung hatte sein tragischer, in den fünfziger Jahren spielender Roman „Horns Ende“ (1985). Den Abgesang auf das SED-Politbüro kleidete Hein 1989 mit „Die Ritter der Tafelrunde“ dagegen in das Gewand einer historischen Komödie. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er sich öffentlich gegen die Zensur gewandt und sich seitdem immer wieder als fröhlicher intellektueller Skeptiker zu den Zeitläuften zu Wort gemeldet. Bis heute hat Christoph Hein für seine eigene vielfältige und vielfach ausgezeichnete Arbeit Inspiration in Homers Sagenwelt geschöpft.

Mögen ihm die Musen weiterhin so gewogen sein.

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