Christoph Heins Roman "Trutz" : Das Gehirn ist mein Leben

Idealisten im Mahlstrom der Geschichte: Christoph Heins deutsch-sowjetischer Schicksalsroman „Trutz“ erzählt die Geschichte zweier Familien mit deterministischer Wucht.

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Schicksalsspuren. Absperrungen am ehemaligen Straflager Perm 36, heute ein Gulag-Museum, das bis 1989 als Gefängnis für Dissidenten und andere Häftlinge benutzt wurde.
Schicksalsspuren. Absperrungen am ehemaligen Straflager Perm 36, heute ein Gulag-Museum, das bis 1989 als Gefängnis für...Foto: Matthias Tödt/dpa

Im Prosawerk von Christoph Hein kommt es immer wieder zu jähen Gewalttaten. Sie leiten einen Handlungsumschwung ein und traumatisieren dabei die zumeist ruhigen, vernunftbegabten Protagonisten – von der Krankenschwester in seinem berühmten Debüt „Drachenblut“ (in der DDR 1982 unter dem Titel „Der fremde Freund“ erschienen) über diverse Akademiker bis hin zum Berliner Autohändler Willenbrock. Nun lässt der 72-jährige Autor in seinem deutsch-sowjetischen Jahrhundertpanorama „Trutz“ gleich drei Romanfiguren durch Gewalteinwirkung ihr Leben verlieren: Zwei werden von Menschen erschlagen, einer durch einen entglittenen Baumstamm in einem sowjetischen Arbeitslager im südlichen Ural.

Im Jahr 1951 geschieht dies, als der politisch in Ungnade gefallene Moskauer Mathematiker und Linguistik-Professor Waldemar Gejm und seine Familie gehofft hatten, den Krieg und mit ihm die ärgsten Schrecken des Stalinismus überstanden zu haben. „Das Gehirn war sein Leben, und den Rest des Lebens nahm er nicht wahr“, charakterisiert Gejms Sohn Rem den Vater. In der Tradition des antiken Dichters Simonides von Keos entdeckte der fiktive Wissenschaftler Gejm die Mnemonik wieder und entwickelte sie zur Wissenschaft – bis er als Holzfäller im Gulag verunglückt.

Wie bereits in Heins letztem großen Zeitroman „Glückskind mit Vater“ von 2016 ist die wahre Gewalttäterin jedoch die jüngste deutsche Geschichte in Gestalt ihrer beiden Diktaturen. Sie erst entfesselt auf der Metaebene die menschliche Niedertracht. Anhand des haarsträubenden, auf einem realen Vorbild beruhenden Schicksals von Konstantin Boggosch, dem Sohn eines NS-Verbrechers, zeigte Christoph Hein in „Glückskind mit Vater“, wie sich die Verwerfungen des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart fortsetzen.

Phasenweise erinnert „Trutz“ an Weiss' „Ästhetik des Widerstands“

Jetzt weitet er seinen durch akribische Recherchen geschärften Blick auf den Stalinismus als die zweite verheerende Gewaltherrschaft der 1930er Jahre aus. Wieder lässt Hein dabei einen Sohn die Lebensgeschichte seines Vaters darstellen: Es handelt sich um den 1934 in Moskau geborenen Maykl Trutz. Der Sohn deutscher Emigranten wird ab seinem zweiten Lebensjahr durch ebenjenen Waldemar Gejm zum Gedächtniskünstler trainiert. Dabei schließt er eine lebenslange Freundschaft mit Rem, dem gleichaltrigen Sohn des Professors, benannt nach „Revolution, Einigkeit und Marxismus“ – kurz REM. Das übertriebene Ernstnehmen der marxistischen Theorien, gerade unter den ausländischen, handwerklich unbegabten Intellektuellenbrigaden beim Moskauer U-Bahn-Bau, beschert dem Buch Momente grotesker Komik. Als ein Mann, der nicht vergessen kann, fällt der eigensinnige alte Maykl Trutz dem Erzähler der Rahmenhandlung bei einer Veranstaltung in Berlin auf. Mehrfach weist er dabei einer Referentin zum Hitler-Stalin-Pakt sachliche Fehler nach. „Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr“, belehrt Maykl später den Erzähler an der Garderobe: „Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis.“

Der Mahlstrom der Geschichte verleiht „Trutz“ eine deterministische Wucht, die phasenweise an Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ erinnert. Hier wie dort ein blutiger Opfergang der Idealisten, die vom nationalsozialistischen Regen in die Traufe der stalinistischen Säuberungen geraten. Christoph Hein statuiert dieses Exempel an dem vorpommerschen Bauernsohn Rainer Trutz, Maykls Vater. Dem aufgeweckten, aber mittellosen 19-Jährigen sind die Landarbeit und die enge Dorfatmosphäre verhasst, und so zieht es ihn in den Inflationsjahren nach Berlin.

Ein ironischer Artikel als Zeitbombe

Wie es sich für einen Hein’schen Protagonisten gehört, gerät er durch eine Gehirnerschütterung in ein aufregendes neues Leben: Die lettische Bubikopfträgerin Lilija Simonaitis fährt den jungen Mann aus Versehen mit dem Auto an. Die Mittdreißigerin arbeitet im Filmressort der Handelsabteilung der sowjetischen Botschaft, daher fürchtet sie eine Anzeige und eine mögliche Ausweisung. Aus der unfallbedingten Bekanntschaft entspinnt sich eine tiefe Freundschaft; Lilija führt Rainer in die Künstlerkreise des legendären Romanischen Cafés ein und ebnet ihm dadurch den Weg in den Journalismus, seinen Wunschberuf.

Mit leichter Hand verfasst der Newcomer nebenbei zwei Romane, einer frivol, der andere zeitkritisch. Nur als er für die bewunderte „Weltbühne“ als ersten Auftrag einen emphatischen Bericht linker Schriftsteller über eine Reise in die Sowjetunion rezensieren soll, fehlen ihm die Worte. Seine Mentorin hält sich bei allen ideologischen Fragen auffallend zurück und will ihm nichts raten. So entscheidet sich Rainer zu 80 Zeilen sanft ironischer Distanz und denkt über den Artikel nicht weiter nach – eine Zeitbombe.

Der Schriftsteller Christoph Hein
Der Schriftsteller Christoph HeinFoto: Peter Endig/p-a/dpa

Mit berückender dramaturgischer Raffinesse schildert Christoph Hein, wie der unpolitische Rainer und dessen Freundin und spätere Frau Gudrun, eine Gewerkschaftsaktivistin und Anhängerin des sozialistischen Religionstheoretikers Paul Tillich, vom erstarkenden Nationalsozialismus in ein Labyrinth aus Angst getrieben werden. Die neuen braunen Machthaber brandmarken sie als „Feinde der Bewegung“, ihre Charlottenburger Wohnung wird aufgebrochen, Rainers Schreibmaschine und Manuskripte zerstört, von der Polizei ist keine Hilfe zu erwarten.

Das Paar taucht im Wedding unter und plant fieberhaft die Emigration. Jahreszahlen werden sparsam dosiert, die politisch Verantwortlichen namentlich nicht genannt. Erneut gelingt es dem leidenschaftlich genauen Chronisten Hein, die historischen Ereignisse ganz im Erleben seiner Protagonisten zu spiegeln und verheerende Ereignisse wie die Bücherverbrennung vom Mai 1933 oder den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 in persönliche Notlagen zu transformieren. Denn als Zufluchtsort bietet sich schließlich dank Lilijas Hilfe nur die Sowjetunion an, ein „ihnen unbekanntes und beängstigendes Land“. Ganz selten gestattet sich der Autor in seinem überaus ernsten, ja tragischen Text poetische Anflüge: „Rainer und Gudrun starrten aus dem Wagenfenster, sie wollten den Moment erleben, an dem der Zug die Grenze überquerte, aber draußen war nichts zu sehen, kein Licht, kein Stern, keine Bewegung, kein Zeichen.“

Untergangsszenario im zweiten Teil des Romans

Der ahnungsvolle Schrecken des jungen Paares steigert sich im zweiten Teil des Romans zum grauenvollen Untergangsszenario, an dem die „blassroten Papierstreifen des NKWD“ kleben, des sowjetischen Geheimdienstes. Rainer Trutz wird wegen des „Weltbühne“-Artikels denunziert und nach Sibirien deportiert, seiner Frau und seinem Sohn geht es wie Millionen Deutschstämmigen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 genauso – sie gelten auf einmal als „Hitleristen“.

Die ebenso kreative wie tapfere Lilija, eine großartige Frauengestalt, und Familie Gejm sind in „Trutz“ die Opfer auf russischer Seite. Maykl kommt als Vollwaise in die DDR und lässt sich zum Archivar ausbilden. Doch als er mit seinem unbestechlichen Denkorgan die NS-Vergangenheit eines hohen Funktionärs aufdeckt, wird er degradiert und verdämmert in der Provinz – wie so viele unbequeme „Intelligenzler“ bei Hein, der seinen Lesern bürokratische Details nicht erspart. „Welch ein entsetzlicher Gedanke, ohne Gedächtnis leben zu müssen“, resümierte in dem Roman „Horns Ende“ (1985) die Titelgestalt, Direktor eines Provinzmuseums: „Wir würden ohne Erfahrungen leben müssen, ohne Wissen und ohne Werte. Löschen Sie das Gedächtnis eines Menschen, und Sie löschen die Menschheit.“ Es ist beeindruckend, mit welcher Konsequenz Christoph Hein dieses für sein Werk zentrale Motiv in „Trutz“ wieder aufnimmt und Mnemosyne, die Muse der Erinnerung, in heikler Mission nach Moskau schickt.

Christoph Hein: Trutz. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 477 Seiten, 25 €. Buchpremiere mit dem Autor und der Schauspielerin Corinna Harfouch am Dienstag, den 4. April, um 20 Uhr in der Akademie der Künste am Hanseatenweg.

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