Christoph Schlingensief : An der Grenze

"Zwischenstand“ der Krankheit: Christoph Schlingensief im Gorki Theater.

 Rüdiger Schaper

Man steigt nicht zwei Mal in denselben Fluss, und man sieht im Theater nie zwei Mal dasselbe Stück. Aber diese Geschichte ist sowieso kaum zu fassen – Christoph Schlingensiefs künstlerischer Umgang mit seiner Krebserkrankung. Eine beispiellose Entäußerung in einem Kulturbetrieb, dem es an flachen exhibitionistischen Etüden nicht mangelt.

Nur kurz rekapituliert: Anfang des Jahres bekam er die grausame Diagnose, und im Sommer schon, nach schwerer Operation und Therapie, arbeitete er an Szenen seiner Krankheit und seines Lebens. Das Maxim Gorki Theater Berlin bot ihm Raum und Schutz. Im September dann die große, unvergessliche Aufführung des Oratoriums „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ bei der Ruhr-Triennale, mit Chören und Prozessionen. Ein Fluxus-Feuerwerk, das die alte Duisburger Stahlfabrik in einen sakralen Ort verwandelte (Tsp. vom 29. 9.).

Was Schlingensief nun an drei Abenden im Gorki-Studio zeigt, ist der Kern der großen Krebs-Oper; was im Sommer erarbeitet worden war. Die Tragödie en miniature, und plötzlich wirkt es nicht mehr so optimistisch. Auf der winzigen Bühne stellt sich eine kaum erträgliche Intimität ein. Als säße man in Schlingensiefs Wohnung und hörte ihn sprechen, klagen, weinen – und auf dem Gazevorhang laufen die alten, ruckelnden Familienfilme mit dem kleinen Christoph am Strand und mit dem Spielzeuggewehr.

Dazwischen wirken die Schauspielerinnen Angela Winkler, Mira Partecke und Margit Carstensen (sie waren auch in Duisburg dabei) verloren. Man sieht jetzt Fragmente, Vorstufen, und doch ist die Zeit weitergegangen. Schlingensief kommt für einen Moment selbst auf die überfüllte, enge Spielfläche und erklärt, diese Aufführung zeige den „Zwischenstand der Dinge“, wie er sich vor einigen Monaten dargestellt habe. Es gebe einen neuen Zwischenstand, und der sei nicht gut. Und geht ab.– Tiefes Schweigen bei den vielleicht siebzig oder achtzig Besuchern. Was bedeutet die Mitteilung?

Die Kunst, selbst die eines Christoph Schlingensief, kommt hier an eine Grenze. „Zwischenstand“ atmet die Traurigkeit von Kammermusik, während das große Oratorium in Schlingensiefs Ruhr-Heimat Kraft und Glauben verströmte. Glauben an die Kraft von Ritualen, die er der katholischen Kirche entlehnte und mit Wagner’schen Aufwallungen, surrealen Kurzfilmchen, Voodoo und indischen Bestattungsriten zu einem mächtigen Synkretismus vermischte.

Vielleicht wird man die „Kirche der Angst“ demnächst einmal in voller Pracht in Berlin zu sehen bekommen. möglicherweise beim Theatertreffen. Auch wenn sich manche Bilder und Texte gleichen: „Der Zwischenstand der Dinge“ muss in den gegebenen Verhältnissen auf den weltumfassenden Gestus verzichten, auf die große Umarmung der Lebenden und der Toten. Und damit auf den Trost, den Kunst allein geben kann. Man begreift in diesen siebzig dunklen Minuten, dass das Leben ohne Rituale, ohne Kunst eine Hölle ist. Schlingensiefs Akteure tasten nach Form und scheinbarer Ordnung, aber der Rhythmus stockt, es zeigt sich kein erlösender Aufschwung oder Emtotionsausbruch. Es ist nur so.

„Der Zwischenstand der Dinge“ hat, nach dem überwältigenden Angstkirchen-Gemälde, die Härte und Eindeutigkeit einer Schwarz-Weiß-Zeichnung. Am Ende, das dann so abrupt ist, wieder langes Schweigen, und Beifall erst, als die Künstler noch mal kommen. Man geht hinaus und sorgt sich.

Noch einmal heute Abend, 20 Uhr.

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