Kultur : Christoph Stölzl: Kulturpolitischer Cha-Cha-Cha

Frederik Hanssen

Kennen Sie den Berliner Cha-Cha-Cha, den Modetanz der hauptstädtischen Kulturpolitik? Der Grundschritt ist ganz einfach: Seit-Seit-Rück-Ran. Und doch fällt es vielen Zugereisten nicht leicht, sich dem Rhythmus anzupassen. Besonders bitter verlief die Tanzstunde für Christoph Stölzl - einen Mann, der davon überzeugt war, sich auf jedem Parkett sicher bewegen zu können. Schließlich hatte er vor seiner Zeit als Berliner Kultursenator selbst mit Helmut Kohl manche Runde gedreht. Doch als er voll bajuwarischem Optimismus die Reform der Hauptstadt-Bühnen ausrief, musste Stölzl erleben, was es bedeutet, auf Berliner Art "geführt" zu werden: Seit-Seit-Rück-Ran. Erst bedenken, dann bezweifeln, schließlich der Rückzug und Schluss.

Als ihn die hauptstädtischen Eintänzer am Ende des "Innovations"-Cha-Cha auf seinen Platz zurückführten, redete er plötzlich sehr höflich über den Status Quo. Zum Beispiel in Sachen BerlinBallett: Die Idee, den Tanzkompagnien der Opern durch eine autonome Dachorganisation mehr Eigenständigkeit und hoffentlich auch mehr künstlerischen Glanz zu bescheren, schien ihm nun ein Fehltritt. Da aber hatte er die Drehung ohne Irana Rusta gemacht, die kulturpolitische Sprecherin der SPD. Die rief gestern vor versammelter Presse "Damenwahl!".

Frau Rusta macht sich plötzlich wieder für Stölzls Anfangsidee stark und will die Tänzer aus den Opernhäusern befreien. Im Gegenzug torpediert sie den letzten Rest der Bühnenreform, den die Koalition Stölzl zur Gesichtswahrung gelassen hatte: Eine Umwandlung der Staatstheater in GmbHs lehnt sie ab. Und um die Verwirrung komplett zu machen, behauptet sie, eine vereinte Werbe- und Kartenverkaufsagentur der Häuser wäre problemlos realisierbar - als trampelten sich die Intendanten nicht seit Jahren gegenseitig auf den Füßen herum, weil jeder glaubt, er sei allein auf der Tanzfläche. Es wird Zeit für den Bayern Christoph Stölzl, mit den Berliner Politikern eine Fortbewegungsart einzuüben, die in der preußischen Tiefebene viel zu selten praktiziert wird: Schlitten fahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben