Kultur : Christopher Street Day: Die Prozession der Zivilcourage

Thomas Lackmann

Die politische Demonstration, zu der heute im West-Zentrum Berlins 400 000 Menschen erwartet werden, verkleidet sich als Fete der Spaßgesellschaft. Ihre hervorstechenden Teilnehmer sind, zur Ausstellung von Party-Flair und Balz-Attitüde, anzüglich geschürzt und erotisierend aufgebrezelt. Die Forderungen der Demonstranten beziehen sich auf ihre rechtliche Gleichstellung und den Diskriminierungs-Abbau, auf eine "Sensibilisierung der Beschäftigung im öffentlichen Dienst", auf Asylrecht für alle wegen ihrer sexuellen Orientierung Verfolgten; auf das Recht, Soldat zu sein. Der erste, spontane New Yorker Christopher-Street-Day 1969 - die Homosexuellen von Greenwich Village wehrten sich damals gegen polizeiliche Übergriffe - war ein ernstes Emanzipations-Fanal gewesen. Als die Tradition des Gedenkens an diese zweitägige Straßenschlacht in Berlin Ende der 70er Jahre aufgenommen wurde, vermummten sich viele Demonstrations-Teilnehmer zunächst, aus Sorge um ihre bürgerliche Existenz; an späteren Jahrestagen entstanden Konflikte zwischen jenen Schwulen, die der Öffentlichkeit "Normalität" präsentieren wollten, und der schrillen Tuntenfraktion, auch zwischen der Spaß-Majorität und dem strengen rosaroten Polit-Block, der am Zugende marschieren musste. Mittlerweile jedoch ist die Party-Liste merklich länger als der Forderungs-Katalog. Der Marsch, ein Event des unbedingten Vergnügens, erreicht - wie die Love Parade - seinen Höhepunkt an der Siegessäule.

Im totalitären Spaß-Kollektiv

Wie erinnert man an eine politische Aktion? Wie verändert sich, unter Schichten eigener Geschichte, Erinnerung? Vor acht Tagen wurde in Berlin einer berühmten deutschen Demo ein Denkmal gewidmet. Das ehemalige NS-Reichsluftfahrtministerium an der Leipziger Straße, vor dem es steht, erzählt jedoch parallel dazu seine Jahrhundert-Story. Dem straßenseitigen Pfeilergang des Hauses verpasste der Künstler Arno Waldschmidt in den 40er Jahren ein "Soldatenrelief": düster Uniformierte im Stechschritt. Anfang der 50er Jahre konzipierte Max Lingner an derselben Stelle für das nun als "Haus der Ministerien" fungierende Gebäude ein 24 mal 3 Meter-Gemälde. Thema: "Die Bedeutung des Friedens für die kulturelle Entwicklung der Menschheit und die Notwendigkeit des künstlerischen Einsatzes für ihn". Sechsmal korrigierte der Künstler die Entwürfe. Seine verhaltenen Portraits aus der Typologie des Arbeiter- und Bauernstaates verflachten mit jedem Zensur-Eingriff deutlicher zu Propaganda-Masken. Das Ergebnis war ein Panorama des totalitären Spaß-Kollektivs, in dem nicht nur Cheerleader-Genossinnen paradierend die Arme heben, sondern alle, vom Traktoristen bis zum Funktionär, Superlaune demonstrieren.

An die Arbeiter-Demonstration vor diesem "Haus der Ministerien" im Juni 1953, aus der ein Volksaufstand erwuchs, erinnert heutzutage keineswegs, wie im Fall des Christopher-Street-Days, ein regelmäßiges Festival. In der Bonner Republik war die Ehrung des 17. Juni zur Pflichtübung verkommen, die DDR unterdrückte die Überlieferung dieser systembedrohenden Attacke auf den kontrollierten öffentlichen Raum. Die Berliner Republik immerhin versteht sich selbst als Produkt der DDR-Volksproteste von 1989; sie bestellte für den Vorhof des Hauses an der Leipziger Straße, das zwischenzeitlich die Treuhand beherbergte und nun - nach dem ermordeten Treuhandchef Rohwedder benannt - Sitz des Bundesfinanzministerium ist, ein Denkmal zum 17. Juni. Den Wettbewerb gewann eine Arbeit, die mit dem brechtisch angehauchten Sinnspruch "Wer bin ich, dass ich sagen könnte, eine heroische Tat" die Schichtungen interpretierender Überlieferung reflektiert und darüber hinaus die Debatte um den pathetischen Anachronismus heutiger Denkmale.

Gebaut jedoch wurde Wolfgang Rüppels Entwurf, der - als kommentierende Spiegelung gedacht - das Lingner-Bild ursprünglich aufrecht kontern sollte. Tatsächlich liegt aber nun die metallgerahmte Glasplatte mit einem doppelt eingelassenen, auf 24 mal 3 Meter vergrößerten Foto der Demonstranten am Boden, wie ein zugefrorenes Becken: Der Kontrast zur Harmonie-Deklamation des Wandbilds besteht in der zaghaft undramatischen Entschlossenheit der hier abgebildeten, untergehakten Männer und Frauen. Individuen! Ihre zweifache Reproduktion allerdings - oben eingeätzt, drunter gedruckt - belässt die Gesichter unscharf. Erst aus großem Abstand, vom Himmel hoch, so führt eine Ausstellung im Ministerium vor, erscheinen ihre Konturen markant. Unschärfe der Erinnerung ist die eigentliche, banale, mutlose Botschaft der Installation.

Aber Rüppels Werk ist nicht das erste Denkmal in Berlin-Mitte, das an eine historische Demonstration erinnert. In der Spandauer Vorstadt steht ein "geformter Steingesang" der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, aus bis zu 2,30 Meter großen Blöcken, vollendet 1995. Das Denkmal "Frauenprotest in der Rosenstraße 2" illustriert die Geschichte von mehreren hundert Ehefrauen jüdischer Männer, die in der ersten Märzhälfte 1943 durch tägliche Sprechchöre ("Gebt uns unsere Männer wieder") erreichten, dass ihre in dieser Straße inhaftierten Ehemänner freigelassen wurden; 25 Deportierte wurden aus Auschwitz zurückgeholt. Hunzingers Skulpturen verkörpern Gefangene, die Solidarität des Einander-Stützens, den Widerstands-Erfolg des Wiedersehens; eine zerbrochene Geige symbolisiert die zerstörte jüdische Kultur. Dieses neue, "klassische" Denkmal ist den Berlinern kaum bekannt; es ignoriert die Skrupel aktueller Denkmalsbezweifler und überhöht unbefangen die Passion und das Pathos eines Einsatzes herausragender Mit-Menschlichkeit. Die politische Aktion wird fest-gehalten. Emphatische Überlieferung? Geronnene Bewegung.

Wo Dissidenten aus dem Status der Bedrängnis in die Sicherheit eines pluralistischen Rechtsstaates gelangen und ihre leidvolle Erfahrung gewürdigt, ihr Schutz öffentliche Angelegenheit wird, da versteinert die Erinnerung an das außergewöhnliche Engagement zur Kunst am Bau, zur obligatorischen Geste inmitten einer vielfach beschichteten "Erinnerungslandschaft". Der umgekehrte Prozess - von der Macht zur Minderheit - entwickelt eine andere Dynamik. Vorgestern und am morgigen Sonntag gingen und gehen Tausende von Katholiken im säkularisierten Berlin, wo ihre Zahl den Bevölkerungsanteil beispielsweise der Homosexuellen kaum überschreitet, auf die Straße: von St. Hedwig zum Gendarmenmarkt; durch den Kleinen Tiergarten; von der Fehrbelliner zur Großen Hamburger Straße sowie durch den Stadtpark Steglitz.

Ein Spielfeld für die Minderheit

Das im Mittelalter zur feierlichen Liturgie ausgestaltete Ritual beruht auf der Überlieferung, dass sich vor 2000 Jahren in Palästina ein Rabbi, der Gottes Sohn gewesen sei, aus Liebe zu den Geschöpfen seines Vaters habe ermorden lassen - und diese Tat der Hingabe vorab in einer mysteriösen Mahlfeier zur Nachahmung empfahl. Seit der Erfindung des darauf bezogenen Fronleichnamfestes tragen die Demonstranten mit ihrer "Monstranz", dem Schaugerät, ein Stück Brot herum, in dem die Präsenz jener Gottesliebe segnend verborgen sein soll: Auf diese Weise besetzte einst ihre Prozession - fromm, prunkend, machtvoll - Feld und Stadtraum einer sowieso im einen Glauben geschlossenen Gesellschaft. Berliner Katholiken von heute dagegen behaupten sich im outing ihrer unvermummten Prozessionsteilnahme gegen das Naserümpfen der übrigen Stadtbewohner: als eine offensive Minorität, die durch ihr leibhaftiges Abschreiten des öffentlichen Raumes zwar keinen Territorialanspruch, aber ihre unbegrenzte Verkündigungs-Ambition formuliert. Da wird Religion publik - politisch manifest.

Fronleichnams-Feierer erinnern sich der Hingabe Jesu, Christopher-Street-Day-Demonstranten (ein bisschen) an den Widerstand vom 27. 6. 69, der in der New Yorker Stonewall Inn Bar seinen Anfang nahm. "Es ist sehr wichtig, sich an Stonewall zu erinnern", schreiben schwule Traditionspfleger auf ihre Website (www.pinkboard). "Seid stolz darauf, wie weit wir gekommen sind, und seid euch bewusst, wie weit der Weg noch zu gehen ist." Zugespitzte Erinnerung als Brennstoff der Motivation: Nicht die Unschärfe der Überlieferung, sondern die Utopie der eigenen Verantwortung für "meine Welt" wird zur Pointe dieser Gedenkrituale.

Auch totalitäre Inszenierungen bedienen sich auf solch appellativ pointierte Weise der Historie. Doch die pluralistische Christopher-Street-Day-Spaßgesellschaft erstrebt noch nicht die Weltherrschaft. Vielmehr vergegenwärtigen paradierende Schwule & Lesben (wie auch betende Katholiken) mit ihrer körperlichen Markierung öffentlichen Raumes die von Security-Kameras nur partiell kontrollierte Stadt des 20. Jahrhunderts: wo sich das Spiel zwischen Minderheit und Mehrheit physisch konretisiert, statt digital über TED oder Internet. Im Auftritt des Individuums zeigt sich ziviles Engagement, antastbar. So gesehen beeindruckt an der Parade, mehr als die Choreographie glamouröser Queens und Beaus, der nebenher trottende ältere Normalo mit geschulterter Regenbogenfahne: bieder, schüchtern, couragiert. Das Ich im offenen Raum demonstriert sein persönliches coming out - als Bürger.

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