Kultur : Christus kam bis zur U-Bahn Friedrichstraße

14 Kreuzweg-Stationen von Bernd Zimmer

Jens Hinrichsen

Wo sonst Werbetafeln für Bier und Zigaretten um die Aufmerksamkeit buhlen, leuchtet Unerwartetes auf. Ungewöhnlich ist daran nicht nur, dass der Künstler Bernd Zimmer seine „14 Stationen des Kreuzwegs“ auf vier Bahnsteigen der U6 zwischen Koch- und Friedrichstraße platziert, mitten ins großstädtische Leben. Auch die Präsentation selbst ist ein Novum: Die Holzschnitte sind in Leuchtkästen zu sehen. Parallel zur U-Bahn-Präsentation (bis 11. April) sind die Werke auch in der Nikolaikirche zu betrachten.

Der geschundene Leib Christi fehlt auf den großformatigen Farbholzschnitten. Ein T-förmiges, grob gemasertes Kreuz, wie es Jesus mutmaßlich nach Golgatha hat tragen müssen, figuriert als Hauptdarsteller auf den farbstarken Bildern. Zunächst verharrt es am unteren Rand („Das Urteil“) und erscheint wie ein Richtertisch. Mit Fortschreiten der Stationen, der Zunahme von Leid und Verzweiflung kippt Zimmer das nachtschwarze Kreuz in die Diagonale. Schließlich verharrt das christliche Symbol in aufrechter Stellung, in Ruhe position („Der Tod“, „Kreuzabnahme“). Als Reverenz an Barnett Newmans berühmte Bilderserie „Stations of the Cross“ setzt Bernd Zimmer schmale lichtgelbe Streifen, die im Verlauf des Leidensweges immer wieder auftauchen, verschwinden und sich schließlich zur gelb strahlenden, Heil verheißenden Himmelsfläche öffnen. Frei von missionarischem Eifer überzeugt Zimmers Passionsspiel durch schlichte Formen – und könnte den einen oder anderen U-Bahn-Passanten um Ostern tatsächlich in die Kirche locken.

Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz, bis 30. 4.; Di, Do – So 10 – 18 Uhr, Mi 12 – 20 Uhr, Katalog 18 €.

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