Kultur : Christus, mein Bräutigam

Innsbrucker Festspiele: Der René-Jacobs-Schüler Vincent Boussard inszeniert einen Sacro-Thriller

Carsten Niemann

Sind barocke Oratorien die besseren Barockopern? René Jacobs, der künstlerische Leiter der Innsbrucker Festspiele und Spiritus rector der Barockopernreihe der Staatsoper Unter den Linden, scheint dieser Meinung zu sein. In jedem Fall hat sich der Dirigent, der so viele bedeutende Barockopern wiederentdeckt hat, in letzter Zeit auffällig intensiv mit Oratorien beschäftigt. Eine Abkehr vom Theater war das jedoch nicht: Exemplarisch zeigte er in seinen Arbeiten, wie man die Gattung durch das Herausarbeiten des theatralischen Moments vom Schleier dumpfer Pietät befreit, den das 19. Jahrhundert auf sie gelegt hat.

Nun hat Jacobs die Gattung auch noch zum Schwerpunktthema der Innsbrucker Festwochen gemacht. Hier zeigte sich erst recht, wie lohnend es ist, religiöse Stoffe auf dem neutralen Boden des Theaters zu hinterfragen. Während Jacobs die schon in Berlin gezeigte „Belshazzar“-Produktion dirigierte, überließ er es am Samstag dem Regisseur Vincent Boussard sowie dem Dirigenten Alessandro De Marchi und seiner Academia Montis Regalis, das brisantere Werk auf die Bühne des Tiroler Landestheaters zu bringen: „Il Martirio di Sant’ Agnese“, ein Märtyrerdrama, zu dem der spätere Kardinal Bernardo Pamphili das Libretto verfasste. Die wiederenteckte Musik stammt von Bernardi Pasquini, den man heute eher als Cembalokomponist kennt.

Zusammengefasst ist die Handlung ein Sacro-Thriller. Flavio, der verliebte Sohn des Präfekten von Rom, wird von der jungen Christin Agnese abgewiesen: Christus sei bereits ihr Bräutigam. Flavios Vater nimmt diesen Affront nicht hin: Er befiehlt, Agnese in ein Bordell zu bringen. Als Flavio seine Angebetete dort aufsucht, wird er von einem himmlischen Lichtstrahl geblendet und fällt tot zu Boden. Auf Bitten des Präfekten betet Agnese um Flavios Wiederauferstehung. Ihr Gebet wir erhört – und Flavio wendet sich dem Christentum zu. Der Vater schwankt zwischen Zorn und Dankbarkeit; sein Berater Aspasio drängt ihn jedoch dazu, Agnese zum Scheiterhaufen zu verurteilen. Weil die Flammen vor der Heiligen zurückweichen, tötet Aspasio sie schließlich selbst.

Auf der Bühne nimmt sich die Handlung nicht ganz so drastisch aus: Pamphili schreibt keine stringenten Szenenfolgen, sondern reiht einzelne Situationen aneinander. Pasquinis Musik besitzt dagegen stärkere dramatische Qualitäten – wobei es sich allerdings um die Dramatik eines Kammerspiels handelt: Seine Arien berühren mit schlichten melodischen Eingebungen, ausdrucksvoller Chromatik und einem reizvollen Wechsel zwischen kurzgliedrigen Ritornellen und Singstimme – aber sie vermeidet die große Geste. Statt platt zu aktualisieren oder ängstlich auf politisch korrekte Distanz zu gehen, wählt Boussard den Mittelweg: Er sucht nach den Punkten, an dem sich vergangenes und gegenwärtiges Interesse an den Figuren treffen.

Gewichtige Unterstützung erhält er dabei durch die raffiniert stimmungsvollen Bühnenbilder von Vincent Lemaire: So besteht der Vorhang aus einer Vedoute aus abstrahierten Gebäuden in tizianischen Farbtönen – so abstrahiert, dass man erst auf den zweiten Blick einen römischen Tempel und zwei moderne Zwillingstürme erkennt. Die Frage, ob Agnese eine Heilige ist, entscheidet Boussard nicht: Ihr Starrsinn könnte durchaus der eines an Bulimie leidenden jungen Mädchens sein. Sein Kunstgriff besteht darin, die Geschichte anhand der Reaktionen von Agneses Umwelt zu erzählen.

So zwingt er die Zuschauer unter anderem dazu, den Blickwinkel des autoritären Vaters einzunehmen: Der muss in der Bordellszene beobachten, wie er seinen pubertierenden Sohn an eine zweifelhafte neue Autorität verliert. Die Intensität und Genauigkeit, mit der De Marchi und der Bass Antonio Abete den Umschwung der väterlichen Gefühle von Trauer zu Zorn und endlich Entscheidungsunfähigkeit zeichnen, macht die Szene zum Höhepunkt des Werks.

Packend sind auch die übrigen Arienporträts der deutlich intensiveren zweiten Oratoriumshälfte: Mit kerniger, aber lyrischer Altstimme singt Martin Oro die Partie des pubertären Flavio, dem Tenor Kobie van Rensburg gelingt es, aus Aspasio nicht nur einen eindimensionalen Bösewicht, sondern eine abgründige graue Eminenz zu machen. Die Partie der Agnese wird von Emanuelle de Negri intelligent gestaltet, hätte aber an Eindringlichkeit gewonnen, wenn Boussard ihre Gefühle für Flavio klarer herausgearbeitet hätte. Das Duett, das Pasquini für das ungleiche Paar schrieb, sagt es deutlicher: Agnese ist nicht unempfindlich für Flavio – nur sind ihre Erwartungen an die Liebe so übersteigert, dass nur ein Gott ihre Sehnsucht erfüllen kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar