CHRONIK : Die schlafende Schöne

Schauplatz Moderne: Besuch in der Akademie der Künste am Hanseatenweg – zum 50. Geburtstag des Hauses

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Der Westen strahlt. Abendprogramm am Hanseatenweg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Der Westen strahlt. Abendprogramm am Hanseatenweg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Was bleibt, ist Material: Wer sich unter maigrünen Bäumen dem Beton-Hain der Musen naht, wird konfrontiert mit der Wucht markanter Oberflächen. Waschbeton aus weißen Flusskieseln. Graue Sichtbetonträger. Grüne Kupferdächer. Schwarze Bodenplatten aus Schiefer. Rote Ziegelwände. Holzverkleidung. Das „mitunter allzu unbedenkliche Spiel mit den Materialien“ hatte der Tagesspiegel noch im Juli 1958, als der Entwurf präsentiert wurde, gerügt. 52 Jahre später verblüfft der radikale Neubau von einst den Passanten als ein Dornröschen-Ensemble der Kuben und Dreiecke, der aufgefächerten Dächer, der Pfeiler und Säulen. Zwischen Schieferquadraten, die auf dem Vorplatz zerspringen wie Quader eines Dschungelpalastes, sprießt Gras. Was bleibt, sind Formen.

Vor dem Haupteingang drapiert Henry Moores laszive „Liegende“ ihren bronzenen Hüftschwung.

An einem veranstaltungslosen Tag beehren nur Flaneure und Kenner die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Schlendern durch Fluchten, Foyers, Höfe, Gärten. Besichtigen die Ausstellung. Trinken Kaffee. Berauschen sich an Material mit Sinn und Form. Man hatte diese Institution , so hieß es 1960 bei ihrer Eröffnung, „ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt“ – dahin, „wo einst das kulturelle Zentrum des wiedervereinten Berlin stehen soll“. Jetzt scheint an diesem Ort, der nicht, wie die Lindenoper, „Apoll und den Musen“, eher dem transzendierenden Materialismus der Moderne geweiht ist, Märchenzeit stillzustehen.

Es war einmal im Hain des Athener Helden Akademos: Da traf sich Platons Philosophenschule. Es war einmal die von Kurfürst Friedrich III. gegründete Preußische Akademie der Künste; die von der DDR finanzierte „Deutsche Akademie der Künste“ (Robert-Koch-Platz/Pariser Platz) sowie die durch West-Berlin knapp alimentierte, 1954 in eine Dahlemer Villa einquartierte „Akademie der Künste“ (AdK).

Es war einmal ein Berliner, Jahrgang 1901, der in den USA als Kunstharzfabrikant reich wurde. Der 1956 bei einer Berliner Party den AdK-Generalsekretär traf und seine Spende zugunsten eines Heimes für ledige Mütter spontan einem Akademie-Neubau zusprach. Der mit seiner Freundin auf dem Flughafen zufällig deren Studienfreund traf und das generöse Millionengeschenk nun an die Beauftragung der beiden knüpfte: an die jungen Architekten Werner Düttmann und Sabine Schumann. Der ein Achtjahresbudget drauflegte, als man im Senat die Folgekosten scheute. Henry Reichold, der Stifter, hatte bis 1918 im alten Hansaviertel gelebt. Hier, zwischen Englischem Garten und S-Bahn-Trasse, entstand zur ambitionierten Interbau 1957 das neue Hansaviertel der Hochhäuser, Einfamilienhäuser und zeitgenössischen Kirchen – im Wettstreit mit Ost-Berlins Stalinallee. Während der Interbau wird der AdKGrundstein am Hanseatenweg gelegt: für 7000 Quadratmeter Raum, auf 14 500 Quadrametern. Das Bollwerk AdK dient zur Demonstration demokratischer Überlegenheit. Im Kalter-Krieg-Epilog nach 1989 werden die Akademien Ost und West noch drei bizarre Jahre um Identität und Fusion ringen.

Ein anderer Kulturkampf umkreist die im NS-Staat und unterm „Sozialistischen Realismus“ diffamierte, von der AdK-Abteilung Bildende Kunst als antitotalitäre Weltsprache bevorzugte abstrakte Kunst. AdK-Präsident Günter Grass stellt am 8. Mai 1985 zwischen ihr und der Vergangenheitsverdrängung eine Verbindung her. Bei der nächsten Mitgliederversammlung erhält er dafür die „Blindenarmbinde“. In Versen Robert Gernhardts hallen solche Verstörungen 1997 nach: „Sag an, wann haben sie dich gebaut? Sie haben mich 1960 gebaut. Sag an, woran habt ihr damals geglaubt? Wir haben ans Gute und Wahre geglaubt. Wir haben an rechte Winkel geglaubt. Wir haben an reine Formen geglaubt. Wir haben ans Schöne weil Gerade geglaubt. … Wir haben an Glas und Schiefer geglaubt . Uns hat vor Kurve und Bogen gegraut. Wir haben an Rupfen und Kupfer geglaubt. Uns hat vor Schmuck und Verzierung gegraut. Wir haben an Holz und Backstein geglaubt … Wir haben an blanken Beton geglaubt. Uns hat vor Glanz und Farbe gegraut. Wir haben an Leere und Linie geglaubt. Uns hat vor Person und Körper gegraut …“

An einem normalen Tag tummelt sich im Clubraum eine Schülergruppe. Unter Anleitung entstehen zur Ausstellung „Wiederkehr der Landschaft“ Kompositionen aus Geräuschen und Klängen. Im Atrium, wo unter der Riesenbuche ein gepfählter Lehm-Wal, „My dead grandfather“ von Adrián Villar Rojas, verrottet, entwickeln die Kinder Musik. 1992 hatte Heiner Müller als Akademie-Präsident Ost das Fusions-Gekeile kommentiert: „Die Angst vor einem Leben ohne Feindbild und vor dem Schrumpfen des Marktwerts muss ungeheuer sein und brütet Monstrositäten aus. Leider keine Kolosse.“ Das Lehm-Monster wird von der Zeit abgewickelt; die vereinte Akademie nicht. Man ist Bundesinstitution, bespielt Häuser am Robert-Koch-Platz (Archiv), am Pariser Platz (Repräsentation, Leitung, Veranstaltungen). Am Hanseatenweg arbeitet im ehemals blauen (nun smoggeschwärzten) Längstrakt die Verwaltung; hier ist Platz für die Junge Akademie, Stipendiaten-Ateliers, Apartments. Und es gibt unterm Kupferdach Theatersäle, kokett Studio genannt.

Die sleeping beauty am Hanseatenweg lebt von Aufbruchserinnerung: an die halb kaputte Stadt und ihr bahnbrechendes Kulturzentrum, an die Wiederkehr der vertriebenen Internationale großer Namen. An die neue Erfahrung der Berliner, der Weltgemeinschaft Kunst wieder verbunden zu sein. Adrian von Buttlar, Jahrgang 1949, lebte 1960 bis 1964 als Sohn des ersten Generalsekretärs im Blauen Haus. In seine Familie kamen Künstler von nebenan zum Frühstück. Er erinnert sich an Lotte Lenya mit Brecht/Weill bei der Eröffnung, an die Ausgrabung von Murnau-Filmen, exotische Ostblock-Pantomimen, Aufführungen von Stockhausen, Kagel und Hans Werner Henze. „Die klassische Moderne lebte!“

Nele Hertling leitete AdK-Sektionen (Musik, Darstellende Kunst) von 1963 bis 1988. Sie erinnert sich: an Sonntagvormittage, die man mit Kind und Kegel in der AdK genoss, an Arbeit bei offenen Türen. An Strawinsky, Celan, Ingeborg Bachmann, Beckett. An Experimentierjahre und einen Festival-Vorverkauf: als die Warteschlange sich erstmals ums halbe Haus wickelte. „Die neue Idee hatte sich in der Ruhe durchgesetzt, plötzlich war der Funke übergesprungen!“

Hans Gerhard Hannesen, der Präsidialsekretär, hat am Hanseatenweg oft das Musikkorps des Bundespräsidenten durch den Park gehört. Seit 2005 arbeitet er in der gläsernen Behnisch-AdK am Pariser Platz. Die Idee, den Düttmann-Bau aufzugeben, gab es bei uns nie, sagt er. Tatsächlich hat Mr. Reichold vorgesorgt: Würde der Komplex verkauft, müsste Berlin die Stiftung mit Zinsen zurückzahlen!

Im Herbst steht aus Mitteln des Konjunkturpakets die Sanierung des Kleinods an, das schon einmal durch die Wende 1989 gerettet wurde: als Erweiterungsbauten, die das Ensemble beschädigt hätten, gerade anfangen sollten. Das von Eingeborenen „Gewächshaus“ und „Kunstspinnerei“ genannte Gebilde ist längst kulturhistorisches Denkmal der beschaulich-vitalen West-Berliner Insel- Epoche. Dass die Neue Zeit für einen Musenhain auf Klosterformen wie Kirche, Kreuzgang, Klausur zurückgreift, verblüfft auch den Pilger des 21. Jahrhunderts. Heute steht die „klare unpathetische Kiste“ (Düttmann) als Denkmal einer kontemplativ-konzentrierten Moderne im starken Kontrast zur GlasnostGeste der Repräsentation am Pariser Platz. Was bleibt, ist gut und schön.

Heute ab 19:30 Uhr in der AdK: Lange Nacht und Eröffnung der Ausstellung „Einblicke in die Geschichte einer Institution und eines Hauses“ (bis 30.12.)

1950: Gründung der

Akademie der Künste

in Berlin (Ost);

Hauptsitz wird der

Robert-Koch-Platz

1954: Gründung der Akademie Berlin-West

1958: Grundsteinlegung im Hansaviertel

1960: Eröffnung des Neubaus

1989: Wahl von Walter Jens zum Präsidenten der West-Akademie

1990: Wahl von Heiner Müller zum Präsidenten der Ost-Akademie

1992: mehrheitliches Votum der West-Akademie für einen Zusammenschluss

1993: Staatsvertrag über eine von Berlin und Brandenburg getragene Akademie der Künste

1997: György Konrád wird Präsident.

2003: Adolf Muschg wird Präsident.

2005: Eröffnung des Neubaus am Pariser Platz 4

2006: Rücktritt des Präsidenten Adolf Muschg. Klaus Staeck wird zum Präsidenten gewählt.

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