Kultur : Chronik einer angekündigten Verzögerung

Bernhard Schulz

Eine Grundsteinlegung findet vorerst nicht statt. Am Donnerstag wird nur ein "symbolischer Akt" auf dem Baugelände vollzogenBernhard Schulz

Es wäre ein schöner Jahresauftakt für die Befürworter des Holocaust-Denkmals gewesen, wenn am 27. Januar 2000 tatsächlich die Grundsteinlegung stattfinden könnte, von der noch im vergangenen Jahr gelegentlich die Rede war. Die Realität sieht anders aus. Der "symbolische Akt", als der die für den Donnerstag dieser Woche angesetzte Feier offiziell bezeichnet wird, stellt eine sichtbare Bekräftigung des Bundestagsbeschlusses vom 25. Juni vergangenen Jahres dar, das Denkmal errichten zu wollen - mehr nicht.

Kurze Ansprachen von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der zugleich Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" ist, und seiner Stellvertreterin in diesem Amt, Lea Rosh, der Vorsitzenden des Denkmals-Fördervereins, werden eine namhafte Teilnehmerschaft erreichen, an der Spitze Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nur einer wird fehlen: Eberhard Diepgen. Der Regierende Bürgermeister stellt mit seiner weithin verkündeten Absage zumindest seine denkmalsunwillige Klientel zufrieden.

Bis nun aber der tatsächliche Baubeginn ansteht, wird noch einige Zeit vergehen. Dennoch: Der Bundestagsbeschluss hat den Gang der Ereignisse unumkehrbar gemacht. Die Stiftung für das Mahnmal ist durch Erlass der Bundesregierung als rechtsfähige, unselbständige Stiftung errichtet worden. Ihre Umwandlung in eine selbständige Stiftung bedarf eines Gesetzes, das im Bundestag in erster Lesung beraten worden ist. Das Kuratorium der Stiftung hat sich im vergangenen Dezember konstituiert. Mit dem Bundestagspräsidenten haben die 23 Kuratoren einen Vorsitzenden gewählt, der die nunmehr treibende Kraft der Denkmalserrichtung repräsentiert: den Bundestag. Zugleich wurde ein Vorstand als Exekutive des Kuratoriums bestimmt, dem gleichfalls Thierse vorsitzt. Ihm zur Seite steht Kultur-Staatsminister Michael Naumann. Dritte im Bunde ist Berlins neue Kultursenatorin Christa Thoben, die mit dem Land Berlin den dritten Auslober des ursprünglichen Vorhabens vertritt. Ihr kommt die undankbare Aufgabe zu, die öffentlich zur Schau gestellte Abneigung des Regierenden Bürgermeisters intern zurecht zu rücken und den Eindruck auszuräumen, der Senat sei unisono gegen das Denkmal. Im übrigen hat die Stiftung mit dem für den Bauvorgang zuständigen Fachsenator Peter Strieder, dem Bändiger des Dreifachressorts Stadtentwicklung, Bau/Wohnen und Verkehr, einen wohl gesonnenen Ansprechpartner im Senat: Er ist der zweite Vertreter Berlins im Kuratorium.

Noch hält sich das Büro des Bundestagspräsidenten, das die Hauptlast der Feier-Vorbereitung zu schultern hat, bei der Frage des Textes jener Tafeln bedeckt, die am 27. Januar enthüllt werden. Sie sollen von der Bauabsicht am ausgewählten Ort unweit des Brandenburger Tores künden. Unsicher ist der Auftritt des designierten Architekten, Peter Eisenman aus New York. Er wird an der Zeremonie teilnehmen - mit neuen Zeichnungen aber, wie spekuliert wurde, wird er nicht aufwarten, und schon gar nicht wird es eine Leinwandprojektion geben.

Es wäre auch gar kein Anlass für einen derart spektakulären Programmpunkt. Am späten Nachmittag versammelt sich nämlich das Kuratorium zu einer Sitzung, der es an Brisanz nicht mangelt. Seit Michael Naumann mit seiner Idee eines großvolumigen Museums-Annexes vorgeprescht ist und sich damit den heiligen Zorn von Lea Rosh zugezogen hat, schwelt der Streit um ein zusätzliches Informationsgebäude. Mit dem Bundestagsbeschluss ist entschieden, dass es einen "Ort der Information" geben wird, jedoch bescheiden genug, um das Denkmal nicht in den Schatten zu stellen. Naumann hält nach wie vor an seinem "Haus der Erinnerung" fest, wie es ihm Eisenman in seinem "Eisenman 3" genannten Entwurf bereits skizziert hat. Wo aber sollte selbst ein kleines Haus stehen? Auf dem Denkmalsgelände oder jenseits einer der begrenzenden Straßen? Darüber wird im Kuratorium ebenso gerungen werden wie über erste Gedanken zur inhaltlichen Gestaltung dieses"Ortes". Naumanns Amtschef Knut Nevermann hat vergangene Woche im Kulturausschuss des Bundestags die Vorlage einer entsprechenden Konzeption bereits angekündigt.

Wer führt die Geschäfte?

Dass Architekt Eisenman nicht mit neuen Skizzen im Gepäck anreisen wird, beruht allein schon auf der Tatsache, dass er einen entsprechenden Auftrag nicht hat. Ihm fehlt im Augenblick eine weiter reichende Vertragsgrundlage. Ein Auftrag an ihn kann erst auf einer künftigen Kuratoriumssitzung erteilt werden. Bei der anstehenden Feier wird allenfalls eine Ansicht des bisherigen Entwurfs mit 2400 Betonstelen zu sehen sein.

Einer weiteren Sitzung bleibt auch die Entscheidung der Personalfragen vorbehalten. Anfang Dezember waren drei Stellen bei der Stiftung ausgeschrieben worden: diejenige eines Geschäftsführers sowie jeweils die eines Mitarbeiters für die Baubetreuung und für die Konzeption des Informationszentrums. Am 27. Januar wird über eine Vorauswahl von unter zehn Kandidaten für die Geschäftsführer-Position gesprochen werden und entschieden, welche Bewerber für die nächstfolgende Sitzung zur Vorstellung gebeten werden. Die Stellen sind auf vier Jahre befristet und vergleichsweise gut dotiert. Es gebe "viele potente Bewerbungen", heißt es aus der Naumann-Behörde, die regierungsseitig für das Denkmal zuständig ist und die insgesamt gut 360 Bewerbungen gefiltert hat. Aber schließlich sollten - wie es in der Stellenanzeige heißt - "Persönlichkeiten" angelockt werden, die "sensibel im schwierigen Aufgabenfeld der Stiftung agieren" können. Man darf das getrost auch hinsichtlich der beteiligten Akteure verstehen. Eile ist also geboten, damit die Stiftung aus eigener Kraft arbeitsfähig wird. "Wir haben auch noch anderes zu tun", stöhnt vielsagend Ulrich Schöler, der Persönliche Referent Thierses, in dessen Büro die Fäden der Denkmalsplanung zusammenlaufen.

Gesamtkosten neu bestimmen

Auch die Grundstücksfrage wird zu besprechen sein. Merkwürdigerweise befindet sich nicht das vollständige Grundstück im Eigentum des Bundes, wie zuvor angenommen, sondern es gibt einen Zipfel im Eigentum der Wohnungsbaugesellschaft Mitte. Die ist zwar verkaufswillig, erwartet aber mehr als einen symbolischen Erlös; von sechs Millionen Mark ist die Rede. Diese Mehrausgaben über die bislang angenommenen Gesamtkosten von etwa 20 Millionen Mark hinaus werden zu beraten sein. Der Bundestagsbeschluss enthielt sich im übrigen einer Aussage zum Finanzrahmen.

Viel Arbeit wartet also am Donnerstag auf die 23 Stiftungskuratoren. Ihre Sitzung ist nur ein Schritt auf einem langen Weg, an dem als weitere wichtige Stationen die Formulierung eines Bauantrages sowie die Klärung der Finanzierung mit den Haushältern von Bundestag und Berliner Abgeordnetenhaus stehen. Erst in die Haushaltsentwürfe für 2001 können die nötigen Mittel hineingeschrieben werden. Im Bundeshaushalt 2000 sind für Baumaßnahmen lediglich 20 000 Mark eingestellt. Die Mittel für die Stiftung - mit weniger als zehn Mitarbeitern, vom Geschäftsführer bis zur Sekretärin - belaufen sich auf knapp 900 000 Mark.

Es bedarf mithin eines erheblichen Arbeitstempos, wenn - wie in der Einladung zum Festakt am Donnerstag ausdrücklich hervorgehoben - im Sommer des kommenden Jahres der Bau beginnen soll. Mittlerweile gilt als Gewissheit, dass die Einweihung des "Denkmals für die ermordeten Juden Europas" frühestens im Laufe des Jahres 2003 gefeiert werden kann.

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