Kultur : Chronik einer Annäherung

Kurdenschicksal: „Hejar – Großer Mann, kleine Liebe“ macht in der Türkei Furore

Susanna Nieder

Manchmal geben Völker ihren Töchtern Namen, die eine bestimmte Gefühlslage beschreiben. Vera, Ljubov, Nadeshda – Glaube, Liebe, Hoffnung nannten russische Idealisten im 19. Jahrhundert ihre Mädchen. Im britischen Empire entsprachen schauliche Blumennamen wie Margaret oder Daisy Frauenbild und Lebensgefühl. Die Kurden dagegen bezeichnen mit ihren Frauennamen auch Hoffnungslosigkeit. „Hejar“ heißt das kurdische Mädchen, das zwischen die Fronten gerät, Hejar wie Unterdrückung.

„Hejar – großer Mann, kleine Liebe“ erzählt die Geschichte des pensionierten türkischen Richters Rifat Bey (Sükran Güngor), dessen lebenslange staatstreue Ansichten von der kleinen Kurdin in Frage gestellt werden. Anfangs steht nur ein winziges Mädchen mit langen Zöpfen vor ihm, das in stummem Schock aus der gegenüber liegenden Wohnung kommt. Dort hat es eine Schießerei mit mehreren Toten gegeben. Als die Fünfjährige jedoch mit Haushälterin Sakine (Füsun Demirel) im verhassten Kurdisch zu reden beginnt, verbietet er ihnen den Mund. Rifat will das Kind so schnell wie möglich loswerden, doch irgendetwas kommt immer dazwischen.

„Hejar“ ist die Geschichte einer Annäherung: zwei Schritte vor, einen zurück. Im Vordergrund stehen der strenge Witwer und die eigensinnige kleine Waise, doch natürlich hat jede ihrer Regungen auch eine politische Bedeutung. Jeder Schritt, den Rifat Bey auf das Kind zugeht, erschüttert das starre Gefüge seiner Ansichten. In dem Maß, in dem Hejar ihm Vertrauen schenkt, wächst die Hoffnung, dass die Konflikte der letzten Generation in der nächsten nicht in Hass aufgehen werden. Ein so offensichtlich politisch motivierter Film könnte schnell ins Didaktische abdriften, wenn die Türkin Handan Ipekci (Buch und Regie) es nicht so gut verstünde, die Emotionen des Zuschauers zu wecken. Gleich in der ersten Szene presst es einem das Herz zusammen, als der alte Kurde Evdo Emmi (Abdülkadir) das kleine Mädchen in der vermeintlich sicheren Wohnung zurücklässt: ein guter Einstieg für eine ansonsten unsentimentale, wortkarge Erzählweise. Allenfalls gegen Ende des Films gerät Handan Ipekci die Entwicklung etwas langatmig; die meiste Zeit folgt man dem Spiel vor allem der ausdrucksstarken Dilan Ercetin als Hejar mit Spannung.

Gesellschaftskritische Filme sind in der Türkei keine Selbstverständlichkeit. „Hejar“ wurde zwar staatlich gefördert, mit einigen Auszeichnungen bedacht und sogar als türkischer Beitrag für den Oscar nominiert, andererseits aber nach fünf Monaten Laufzeit von der Zensur aus dem Verkehr gezogen. Ein halbes Jahr später mussten die Zensoren ihn wieder freigeben. Das türkische Publikum liebt ihn. Und das kurdische sogar so sehr, dass die Häufigkeit des Namens Hejar in den letzten Monaten sprunghaft angestiegen sein soll.

Der deutsche Verleih „movienet“ lässt jedoch wissen, Handan Ipekci sei im Januar dennoch angeklagt worden, weil im Film staatliche Willkür dargestellt und Kurdisch gesprochen wird. Es drohe ihr eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Die Verhandlung findet am heutigen Donnerstag statt.

Alhambra, Kino i.d. Kulturbrauerei, Rollberg

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