Kultur : Chronist der Ewigjungen

GISA FUNCK

Ein 41jähriger Durchschnittstyp mit Glatze, Bauchansatz und Segelohren.Nick Hornby wirkt fast schon auffällig unauffällig.Weites, weißes T-Shirt mit extrem uncooler Ellbogenarmlänge.Ausgewaschene schwarze Jeans mit extrem uncoolen Sitzbeulen an den Knien.Klein.Nein, Nick Hornby ist bestimmt keiner, der die volle Punktzahl in Sachen Coolness absahnen würde.Das tut nur Will Freeman, der Held seines neuen Romans About a Boy.

Dieser Will nämlich füllt auch mit 36 Jahren noch die Psychotests in Männermagazinen aus.Schließlich will er ganz sicher gehen, daß er wirklich die richtigen Platten im Schrank hat, die richtigen Drogen nimmt und mit den richtigen Frauen schläft.Endergebnis: "Unter Null".Will ist so cool, daß er, so lautet die Glanzpapier-Prognose, "an Unterkühlung sterben" wird.Folgerichtig vermeidet er genau das, was das Leben warm, aber eben auch anstrengend macht: jede Form menschlicher Anteilnahme.Eingebettet in seinen Kokon aus Popsongs, Fernsehshows und Partytalk, sträubt sich der überzeugte Single hartnäckig dagegen, erwachsen zu werden.Darin gleicht er seinem Vorgänger, dem erfolglosen Plattenverkäufer Rob Fleming in Hornbys letztem Roman High Fidelity.Anders als Rob aber muß Will noch nicht einmal arbeiten.Ohne Geldsorgen und emotional unbeteiligt verharrt der ewige "Boy" in der bequemen Haltung eines "Zaungastes".

Die künstliche Verlängerung der Jugend ist Hornbys großes Thema."In unserer Kultur fehlen die Anreize, erwachsen zu werden", glaubt der Autor, der jede Ähnlichkeit mit seinem spätpubertären Helden kategorisch bestreitet.In der modernen Amüsiergesellschaft, in der Jungsein zum guten Ton gehört, bedeute jeder Schritt zur Reife und Verantwortung notwendig einen "schmerzlichen Verlust".Diesen Schritt, so hat Hornby beobachtet, zögern deshalb vorzugsweise Männer über 30 immer mehr hinaus.

Den Seismographen dieser Verzögerung hat der Schreiber in der Popmusik ausgemacht.Pop heißt die Religion unserer Tage, als deren Chronist sich Hornby schon mit High Fidelity qualifiziert hatte.Und so charakterisiert er auch in About a boy seine Figuren erneut bevorzugt über ihre Plattensammlung.Daß das Buch dennoch kein billiger Abklatsch seines Vorgängers ist, liegt an dem 12jährigen Marcus, eines richtigen "boy" also, den Hornby seinem Schlaffi Will als Gegenfigur zur Seite stellt.Marcus hat genau das umgekehrte Problem wie Will: als Scheidungskind einer selbstmordgefährdeten Mutter muß er zu schnell erwachsen werden.Symptomatisch dafür kennt der Teenager noch nicht einmal Kurt Cobain.

"Ich weiß, daß meine Stärke sprachwitzige Dialoge sind", erklärt Hornby nicht ohne Stolz."Mit Marcus, einer klassischen Außenseiter-Figur, wollte ich eine für mich ungewohnte, ernstere Tonart anschlagen!" Der Ehrgeiz des ehemaligen Englischlehrers aus Cambridge, endlich das Etikett vom bestverdienenden Boulevardautor mit dem des ernstzunehmenden Schriftstellers zu vertauschen, ist dabei unverkennbar.Dieser Weg jedoch dürfte für den von der FAZ als literarisches "Mittelgewicht" geschmähten Briten zumindest hierzulande lang und steinig werden.Während die englischen Kritiker Hornby als "Retter des britischen Humors" feiern, tun sich die deutschen Rezensenten bislang noch schwer mit dem Shooting Star.Vielleicht weil Hornby allzu freimütig gesteht, daß er "Bücher schreiben wolle, die meine Leser so reinziehen, daß sie vergessen, daß sie gerade ein Buch in der Hand halten." "Die meisten Schriftsteller schreiben über komplizierte Menschen in extremen Situationen", meint der kleine Mann und grinst."Ich schreibe über ganz normale Menschen mit alltäglichen Problemen.Dabei versuche ich nicht platt, aber so verständlich wie möglich zu sein.Denn was bitte soll so wahnsinnig tiefsinnig daran sein, die Sachen komplizierter zu machen als nötig?"

Nick Hornby liest heute abend um 20 Uhr im Kesselhaus der Kulturbrauerei

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