Chuck Prophet live in Berlin : Das große Rock'n'Roll-Herz

Brillante hundert Konzertminuten mit Chuck Prophet & The Mission Express im Berliner Comet Club

H. P. Daniels
Der Musiker Chuck Prophet.
Der Musiker Chuck Prophet.Foto: Keith Corcoran

Nach einem feinen folkigen Vorprogramm des Amerikaners Jonah Tolchin mit rhythmischem Bluegrass Flatpicking und rasantem Ragtime-Fingerstyle auf der Akustikgitarre, wird es schwer elektrisch im Comet Club: Rotelektrisch vorglühend stehen da jetzt Chuck Prophet & the Mission Express: wild verwegen, wie eine verschworene Gang von Outlaws, die schon ein paar Tage nicht mehr geschlafen hat. Auf einem widerspenstigen Riff reiten sie durch wurzelige Klanglandschaften. Dass es kracht, knackt und knallt. Unter den Stiefeln. Und auf dem Griffbrett der Gibson-SG des exquisiten Gitarristen James DePrato sowie dem kräftig knochigen Fender-Bass des stoischen Kevin White. Hinten peitscht Vicente Rodriguez in ein minimales Drumkit maximalen Rumms. Vorne tänzelt Chuck Prophet in blassrotem Flatteranzug zu elektroblau funkenden Akkorden seiner Telecaster.

Mit kräftigen Pferdezähnen beißt er in Lou Reeds alten Refrain: „But deep down inside, I got a rock’n’roll heart, yeah-yeah- yeah“. Der einstige Green-On-Red-Mann- Prophet hat ein großes Rock’n’Roll-Herz. Mit viel Platz darin für die großen Vorbilder des Genres und dessen vielfältige Spielarten. Das knärzelige Phrasing Bob Dylans, das melodische Timbre von Ray Davies und dessen lyrische Sozialkommentare. Rockabilly-Groove und stonesiges Geriffe. Roger McGuinns acht Meilen über der Erde schwebende, John Coltrane abgelauschte, modale Gitarrenfiguren in „I Bow Down And Pray To Every Woman I See“. Ein Stück „Lodi“ von Creedance Clearwater als Intro zur Soul-Ballade „Wish Me Luck“. Oder „Castro Halloween“ als toll lässige Thin-Lizzy-Kinks-Kombi mit parallelen Leadgitarren und ergreifender Gesangsmelodie. Und natürlich Chuck Berry – eine wüst rockende Version von „Tulane“. All das hat Platz in über 100 brillanten Konzertminuten. Nur eine Kleinigkeit hat dann doch gefehlt: Prophets Ehefrau Stephie Finch mit ihrem sonst so trefflich ergänzenden Gesang, ihren wunderbaren Keyboards und ihrer positiven Energie war der Band irgendwie abhandengekommen. Schade.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben