Cindy Sherman in der Galerie Sprüth Magers : Besuch der alten Damen

Über das schwierige Verhältnis von Frau und Alter: Cindy Sherman zeigt ihre neueste Fotoserie in der Galerie Sprüth Magers. Eine gelungene Schau.

Claudia Wahjudi
Eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart: Cindy Sherman Foto: dpa / picture-alliance
Eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart: Cindy ShermanFoto: dpa / picture-alliance

Vier Jahre lang hatte Cindy Sherman keine Arbeit mehr veröffentlicht, doch 2016 war die neue Fotoserie fertig. Die Galerie Sprüth Magers zeigt die Reihe „Untitled“ komplett. Erneut hat sich die New Yorker Künstlerin selbst porträtiert. Diesmal als Schauspielerin: 19 Mal posierte sie als Diva aus der Zeit der Stummfilme, die sich Jahrzehnte später noch einmal in den Kostümen von damals ablichten lässt (Preise: 300 000–425 000 US-Dollar).

Damit ist der Galerie, die die heute 63-jährige Künstlerin seit Langem vertritt, eine schöne Schau gelungen. Sherman, Ikone einer westlich-feministischen Kunstgeschichte, macht zum Sujet, was bereits Simone de Beauvoir thematisierte: das schwierige Verhältnis von Frau und Alter. In Cocktailkleidern oder glänzenden Roben sitzt, steht und liegt Sherman also auf den Fotos, den Teint mit viel Make-up glatt gespachtelt, wie um zu verbergen, was nicht sein darf: das Ende der Jugend. Doch Falten und Adern auf den Händen verraten das fortgeschrittene Alter. Diese Frauen sind keine Sexsymbole mehr, auf große Filme dürfen sie nicht mehr hoffen. Die eine Diva zupft an einer langen Locke, die andere berührt ihr Herz, diese schaut melancholisch, jene dramatisch. Waren ihre Rollen darauf beschränkt, ist Altern wirklich so schlimm?

Geschickt gehängte Fotos

Vielleicht, vielleicht aber gerade nicht. Bereits Ende der 70er Jahre hatte sich Sherman schon einmal in Rollen von Schauspielerinnen inszeniert. In ihren „Untitled Film Stills“ tritt sie naiv, erschrocken oder aufgelöst auf, eher Opfer als Täterin. Dagegen wirken die neuen Diven lebensklug: Ihnen macht niemand mehr etwas vor. Und dann gibt es noch die „Society Portraits“ von 2008. Auch sie zeigen ältere Damen, Frauen mit Geld und Ruf, die Gesichter starr, die Körper diszipliniert vom toupierten Haar bis zu den Krallenzehen in offenen Pumps. Rührend gefühlvoll nehmen sich daneben die Filmdiven aus. Ein Eindruck, den die Hintergründe verstärken: Statt leerer Burgen und Salons wie hinter den Vip-Damen dominieren hier Kulissen und Stoffe.

Nicht zuletzt sind die Fotos geschickt gehängt. Die großen Formate hängen unten, kleinere mit energischen, fast zeitgenössisch wirkenden Frauen im Obergeschoss. Und ganz hinten steckt eine Aufnahme, die aus der Reihe fällt. Vier Frauen mit Nickelbrillen, in Büroblusen oder Kittelschürzen, schmiegen sich aneinander und lachen. Vergnügt schauen zwei den Betrachter an, als ob sie gleich Anekdoten aus der Ära, in der sich Frauen die Berufswelt erschlossen, erzählen wollten. Tun sie natürlich nicht. Auch das ist ja alles Cindy Sherman.

Galerie Sprüth Magers: bis 8. April, Oranienburger Str. 18, Sa 11–18 Uhr

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