CITY Lights : Alles porno

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Der Tod von Sylvia „Emmanuelle“ Kristel hat in Europa ein beträchtliches Medienecho ausgelöst, in den USA hingegen kaum. Bei einer anderen Erotikdarstellerin der siebziger Jahre war es umgekehrt: Marilyn Chambers, die 2009 in ihrem Wohnwagen tot aufgefunden wurde, galt in den USA als Legende; bei uns aber ist ihr Name nur Hardcorefans geläufig. Der Tabubruch, den sie sich leistete, wäre im dekadenten Europa nicht groß aufgefallen: Sie machte Werbung für Waschmittel, die halbe Nation kannte ihr Gesicht, und plötzlich war sie Star eines Pornofilms. Behind the Green Door (1972) setzte in zweifacher Hinsicht Maßstäbe. Die Hauptdarstellerin war ein strahlendes, sportliches All-American-Girl, so etwas hatte es in der Branche bis dahin nicht gegeben. Und der Film lockte ein überraschend großes weibliches Publikum an (Freitag und Sonnabend im Moviemento). Dabei wird die Protagonistin entführt, muss sich zahlreichen Männern hingeben und gewöhnt sich auch noch an diese Rolle. Doch der Einsatz von Zeitlupe und Weichzeichner lässt alles wie den Traum einer Heldin aussehen, die das Geschehen unter Kontrolle hat. Marilyn Chambers ist später in die Politik gegangen: als Kandidatin der Personal Choice Party, die im Bundesstaat Utah immerhin ein Prozent Stimmen bekam.

„Behind the Green Door“ läuft auf dem PornFilmFest in der Reihe „Retro Golden Age of Porn“. Ob dies der richtige Platz für Lass jucken Kumpel ist? Der Film stammt aus demselben Jahr, aber der Niveauunterschied könnte nicht größer sein (Sonntag im Moviemento). Ein goldenes Porno-Zeitalter hat es in Deutschland nie gegeben. Der immense Erfolg der Kumpel-Filmchen ist dennoch begründet: Das Arbeiterpublikum hatte es satt, von deutschen Regisseuren immer nur als unterprivilegiert und asexuell dargestellt zu werden. Das machte Regisseur Franz Marischka auf grobe Weise wett.

Ein frecher, freizügiger und politischer Film aus Jugoslawien gewann 1969 den Goldenen Bären: In Frühe Werke (heute im Arsenal) begeben sich drei junge Männer und eine Frau in die Provinz, um ungebildete Arbeiter und Bauern aufzuklären. Gemeinsam mit Dusan Makavejevs „WR – Mysterien des Organismus“ (1971) steht dieses Agitpropstück für eine kurze Blütezeit des jugoslawischen Films unter dem Einfluss westlicher Protestbewegungen. Der 70-jährige Regisseur Zelimir Zilnik wird zur Vorführung erwartet.

Zu seiner Entstehungszeit galt Frank Capras In den Fesseln von Shangri-La (1937) als großes humanistisches Kino mit der Aufforderung, einer verkommenen Zivilisation den Rücken zu kehren. Eine kleine Gruppe von Briten findet ihr Paradies nach einem Flugzeugabsturz über dem Himalaja (Sonntag im Arsenal). Aber schon der Prolog erzeugt Unbehagen, dort ist von 90 weißen Menschen die Rede, die aus der chinesischen Stadt Baskul gerettet werden müssen. Und später, in Shangri-La, genießen nur westlich-weiße Bewohner die Idylle, während die Asiaten sie bedienen. Die ideologischen Einwände ändern wenig am Filmvergnügen: an der Oscar-prämierten Architektur, den rasanten Revolutionsszenen und der mal barbarischen, mal verträumten Musik von Dimitri Tiomkin.

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