CITY Lights : Alles schizo

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Angstzustände sind im Leben eine Qual. Als Filmthema wirken sie eher befreiend, zumindest für Regisseure. Nur her also mit extremen Stilmitteln – die Kamera kann gar nicht schief genug, die Musik nicht dissonant genug sein. In Sidney Lumets Der Pfandleiher werden derlei Verfremdungen eingesetzt, um die Seelenqualen eines Holocaust-Überlebenden zu vermitteln. Der Film, 1964 auf der Berlinale, brachte Rod Steiger einen Darstellerpreis ein (heute und Sonntag bis Mittwoch, Tilsiter Lichtspiele). Warum der Mann so unnahbar geworden ist, wird aus einer verstörenden U-Bahn-Sequenz deutlich, in der Steiger von alten, schmächtigen Männern umgeben ist. Dieser Anblick und das Rattern der Räder versetzen ihn in den Waggon zurück, der ihn nach Auschwitz transportiert hat.

Für seine Studie eines Schizophrenen, Das weiße Rauschen, musste Hans Weingartner nicht lange recherchieren, denn er hat selbst in der Neurochirurgie gearbeitet. Sein Erstling wurde 2001 beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival uraufgeführt (Sonnabend im Lichtblick, in Anwesenheit des Regisseurs). Daniel Brühl ist nie wieder so gut gewesen: anrührend schutzbedürftig und zugleich fast abstoßend bedrohlich. Wie mag Weingartner dem doch so sanften Schauspieler diese Wutanfälle entlockt haben – womöglich gar mit Medikamenten aus dem Klinikgiftschrank? Wie auch immer: Das Resultat ist umwerfend.

Zu den großen Seelenforschern des Kinos gehörte G. W. Pabst. 1954, mit fast 70 Jahren, analysierte er weibliche Qualen in der Ehe: Das Bekenntnis der Ina Kahr (Sonntag und Montag im Bundesplatz-Kino) erfolgt erst im Gefängnis. Die Titelheldin (Elisabeth Müller) steht im Verdacht, ihren dominanten, untreuen Ehemann (Curd Jürgens) vergiftet zu haben. Vergleichsweise entspannt geht es in Carl Froelichs Hymne auf den Frauenarbeitsdienst zu, deren Titel Ich für dich – du für mich die Botschaft gleich mitlieferte (Dienstag im Zeughauskino). Die 1934 von der NSDAP hergestellte Pseudo-Doku steht für ein vergessenes Kapitel deutscher Filmgeschichte: NaziIdeologen spielten damals noch mit dem Gedanken, das Starkino abzuschaffen. Deshalb wurde Froelichs Film mit Laien und unbekannten Profis besetzt. Doch das Publikum wollte keine ungeschminkten Frauen bei der Ernte sehen. Heute wirkt das Propagandastück fast wie eine mutige Außenseiterproduktion.

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