CITY Lights : Als Billy noch Billie war

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Einer der schönsten Kinderfilme aller Zeiten ist Emil und die Detektive. Gerhard Lamprecht hat den Kästner-Stoff erfrischend unsentimental angelegt, für den damaligen Zeitgeist zudem mit erstaunlich antiautoritärem Impetus und überschäumend von Witz. Vor allem aber ist die Geschichte um den allein nach Berlin reisenden Jungen, der mit Hilfe einer kunstvoll choreographierten Armee anderer Bengels, eines Telefons und seiner pfiffigen Kusine Pony einen Räuber durch die Großstadt jagt, auch eine großartige Hommage an die damalige Weltstadt kurz vor ihrem unrühmlichen Ende (Sonntag im Arsenal). 1931 hatte der Film nach einem Drehbuch von Billy Wilder, der seinen Vornamen damals noch „Billie“ schrieb, Premiere im Ufa-Theater am Kurfürstendamm.

Fast zwei Jahre hatte der junge Wilder bei einem anderen Film in Berlin mitgemischt: Menschen am Sonntag (Fr bis So, Tilsiter Lichtspiele). Der Umfang der Mitarbeit ist freilich umstritten – Co-Worker Siodmak sprach später von „höchstens einer Stunde“. Auch hier sind die Darsteller Debütanten, wenn auch leicht reiferen Alters, und auch dieser Film glänzt außer mit der Nüchternheit der Inszenierung mit lebendigen Einblicken in ein ebenso vergangenes wie damals frisch modernisiertes Berlin. Das Telefonieren spielt auch hier eine Rolle, es gibt reichlich Radfahrer auf der Straße, und sogar Latte Macchiato im Kaffeehaus schien es schon zu geben. Nur die Preise waren deutlich anders – wie auch die ungeregelte Wuseligkeit des Verkehrs.

„Mensch, das ist ja wie im Kino“ sagt einer von Emils Ko-Detektiven angesichts der durch die Verbrecherjagd ausgelösten Aktion. Ähnliches nahezu kindliches Staunen kommt einem oft bei Jacques Demy in den Sinn, dem bis ins reife Alter der „kleine Jacquot“ gebliebene Filmpoet: Ein Realphantast, der in seinen berückend schönen Filmen eigene Kindheitserinnerungen mit Kinoerlebnissen und erdachte Geschichten mit vorgefundenen – allerdings stark geschminkten – Schauplätzen mischt. Im Unterschied zu Kästner/Wilder sind die Lieblingsfilmorte des 1931 in Nantes Geborenen meist melancholische Hafenstädte mit Matrosen und blassblauem Meer. Trois places pour le 26 (1988), Demys letzter Film, der morgen eine Retrospektive des 1990 viel zu früh gestorbenen französischen Kinozauberers im Arsenal eröffnet, spielt allerdings – für den Nordwestfranzosen Demy ungewöhnlich – in Marseille. Wie Emil kommt Hauptdarsteller und Hauptfigur Yves Montand, der sich mit geänderter Biografie selbst spielt, mit dem Fernzug am Bahnhof über der Stadt an. Der alternde Bühnenstar kehrt in seine Kindheitsheimat (die auch Montands Kindheitsheimat ist) zurück und wird auf dem Bahnsteig von einem Trupp Journalisten flugs empfangen, der sich auf der Freitreppe samt Mikrophon und Kameras flugs in eines der schönsten Presseballetts der Filmgeschichte verwandelt. Fünfzehn Jahre hatte Demy auf die Möglichkeit zum Dreh seines vierten Musicalfilms gewartet. Zwei Jahre später starb er. Und auch im Film selbst erwächst – wie so oft bei Vorbild Vincente Minelli – aus der farbenfroh-fröhlichen Kulisse ein bald todernstes Melodram.

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