CITY Lights : Alter und Schönheit

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Enkel, wie die Zeit vergeht! Das EiszeitKino wird 30 (das Jubiläum wird auf nebenstehender Seite gewürdigt), doch die Stadterleuchterin, die an dieser Stelle im Wechsel mit ihrem männlichen Pendant filmempfehlend zugegen ist, geht bereits auf die doppelte 30 zu – und die Kreuzberger Eröffnung des damals von Schöneberg herübermigrierten Kinos will ihr nahezu wie gestern vorkommen! So ist es zwar erschreckend, aber auch fast wahr, wenn es etwa bei Qype heißt, das Eiszeit sei ein „süßes Kino aus Omas Zeiten“.

Nun gibt es in der filmischen Sozialisation der Kino-Großmutter auch andere so verdinestvolle wie bedeutsame Berliner Spielstätten, die wie das Eiszeit tapfer und eigensinnig dem Wandel der Zeiten trotzen. Das Moviemento am Kottbusser Damm etwa hat in den Endsiebzigern nicht nur mit der „Rocky Horror Picture Show“ der damals in solchen Dingen unbedarften Stadterleuchterin ein gründliches Coming-out in Queerness und Campkultur verpasst. Diese Woche nun bietet das angeblich älteste Kino Berlins dem Attac-Festival eine Heimat, wo am Freitag Philippe Diaz’ Dokumentarfilm The End of Poverty globalisierungskritische Kommentare von Susan George, Amartya Sen und Joseph Stiglitz auf der Leinwand zusammenführt. Montag folgt ein Doppelprogramm zu den sozialen Folgen des Handybooms und solidarischer Ökonomie.

Das Lichtblick in der Kastanienallee ist zwar erst sweet sixteen, möge aber ebenfalls tapfer und lange der Welle an Luxussanierungen und Aufhübschungsmaßnahmen widerstehen. Manchmal im Winter duftet es etwas muffig. Doch wer Buñuel, Hitchcock, Film Noir und Casablanca (Sonnabend um Mitternacht) mag, ist hier in besten Händen, schließlich rotiert die gut sortierte Kopiengrundausstattung des mit dem Kino verbandelten Neue-Visionen-Verleihs verlässlich durch das Programm. Gerade ist Buñuel dran, von seinem Catherine-Deneuve-Skandalstück Belle de Jour (heute und Sonnabend) über Der diskrete Charme der Bourgeoisie (Sonntag) bis zum Gespenst der Freiheit (Montag und Mittwoch).

Seit dem letztem Sommer stellt in diesem Kino zudem einmal monatlich ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AG DOK persönlich den Film eines anderen Verbandsmitglieds vor. Am Dienstag ist dies die bisher einzige Regiearbeit des Kameramanns Lars Barthel: In Mein Tod ist nicht dein Tod rekapituliert er melancholisch die verunglückte Liebesgeschichte, die er zu Mauerzeiten mit einer indischen Gaststudentin der Babelsberger Filmhochschule erlebte. Abgesehen vom eigentlichen Thema besonders schön: die von Barthel gedrehten Autofahrten im damals grenznahen Quartier rund um das Kino. Kaum Verkehr damals, und so viel Ruhe.

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