CITY Lights : Berlin grüßt Moskau

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Die Retrospektive der bevorstehenden Berlinale, „Die rote Traumfabrik“, erinnert an die 1921 gegründete Produktionsgesellschaft Meschrabpom, die dem westlichen Kinopublikum sozialistische Wertvorstellungen nahebringen wollte. Das Thema mag heute exotisch scheinen, aber in der deutschen Kinolandschaft der zwanziger und frühen dreißiger Jahre waren „Russenfilme“ ein Markenzeichen. Die Meschrabpom wurde ein Opfer ihres Erfolges, deutsche Firmen haben sie imitiert und übertroffen.

Erstaunlich, wie oft bei diesen mal authentischen, mal pseudo-russischen Filmen überzeugte Kommunisten mit dem Klassenfeind arbeiteten – mit Exilrussen, die aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen hatten. In solch einer Konstellation ist Niemandsland (1931) entstanden, ein pazifistisches Meisterwerk, in dem fünf verfeindete Soldaten im Schützengraben Freunde werden: ein Deutscher, ein Franzose, ein Brite, ein Jude und ein Schwarzer – Letztere ohne nationale Kennzeichnung (Dienstag im Arsenal). Der Regisseur Victor Trivas war 1923 von Moskau nach Berlin geflohen, während der für die KPD aktive Hauptdarsteller Ernst Busch bald den umgekehrten Weg wählen sollte. Was für ein Schauspieler! Man kennt seine kämpferischen Lieder, man weiß, dass er im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat, und eine bedeutende Schauspielschule trägt seinen Namen. Aber vor allem war er ein Filmstar, trotz oder gerade wegen seiner Natürlichkeit. Da konnte noch so viel Kollektivgeist gepredigt werden: Wo Busch auftrat, verblassten alle Nebenspieler.

Eine dramatische Biografie kennzeichnet den Kameramann Boris Kaufman, der in einer russischen Stadt geboren wurde, die heute zu Polen gehört. Der jüngere Bruder der Avantgarde-Ikone Dziga Vertov ließ sich in Paris nieder, floh im Zweiten Weltkrieg nach Kanada und beendete seine Laufbahn in New York. Das Arsenal widmet ihm eine Reihe, was bei aller Freude die Frage aufwirft, warum Retros so selten Kameraleuten gewidmet sind. In Frankreich hat Kaufman den poetischen Realismus mitdefiniert: Er setzte die Ideen des Regisseurs Jean Vigo um, gestaltete mit ihm Betragen ungenügend (heute), den Prototyp aller Schülerrevoltenfilme, und Atalante (Mittwoch), den Prototyp aller Binnenschifferfilme – gleich zwei ausgestorbene Genres. In seinem US-Exil fand er in Elia Kazan einen Förderer. Für Die Faust im Nacken (Freitag) entwickelte er einen bewusst unpoetischen Realismus und gewann einen Oscar für die beste Schwarz-Weiß-Fotografie. Dass er auch mit Farbe umgehen konnte, bewies er 1961 in Kazans Sexualnotdrama Fieber im Blut (Freitag), in dem Warren Beatty und Natalie Wood so tun mussten, als trauten sie sich nicht, obwohl die Klatschpresse das Gegenteil berichtete. Ein ebenso verklemmter wie erotischer Film – so verklemmt erotisch, wie das nur die Amerikaner hinkriegen.

Wien, Berlin, London, Hollywood, Berlin: Das waren die Stationen von Fritz Kortner, der bei Max Reinhardt gelernt und zuletzt Peter Stein ausgebildet hat. Für sein Tonfilmdebüt Der Andere (1930) wählte er eine extreme Rolle: Ein Staatsanwalt leidet an einer Persönlichkeitsspaltung und wird nachts zu dem Verbrecher, gegen den er als Staatsanwalt ermitteln muss (Mittwoch in den Eva-Lichtspielen). Der „Caligari“-Regisseur Robert Wiene verpflichtete hier gleich zwei schwere, bullige Schauspieler. Kortners Unterwelt-Komplize war Heinrich George, der ebenfalls so aussah, als würde sein Anzug jeden Moment platzen. Es muss schwierig gewesen sein, die beiden in einem Bild unterzubringen.

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