CITY Lights : Beschreiblich weiblich

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Auf der deutschen Wikipedia-Seite zum französischen Kino kommt Claire Denis nicht vor. Auch sonst wurde die weibliche Seite der cineastischen Grande Nation hier aufs darstellerische Interpretative geschrumpft. Dabei kam mit Alice Guy doch eine der ganz großen Filmpionierinnen aus Frankreich. Und auch Denis selbst gilt als eine der an- und aufregendsten Regiepersönlichkeiten des europäischen Films. Morgen Abend wird sie mit ihrer jüngsten Produktion eine umfassende Retrospektive im Arsenal eröffnen: „White Material“ ist eine wie hinhalluzinierte düstere Befindlichkeitsstudie, deren Alpträume zu sehr mit der Wirklichkeit verwoben sind, um sie abzutun. Und ein anschauliches Beispiel von Denis’ filmischer Methode, die begriffliche Zuschreibungen raffiniert unterläuft. Dabei klingt die Zutatenliste – heraufziehender afrikanischer Bürgerkrieg, eine den Verhältnissen trotzende weiße Plantagenbesitzerin,, dysfunktionale Familienverhältnisse – arg nach TV-Movie. Doch Denis, die selbst als Tochter eines Kolonialbeamten in Afrika aufwuchs, macht daraus etwas Unverwechselbares. Auch am Sonnabend zur Vorführung von „L'intrus“ ist sie im Arsenal zu Gast.

Die Rolle der Plantagenbesitzerin hat Denis mit Isabelle Huppert besetzt, die deren Hysterie mit körperlicher Intensität ausfüllt. „In gewisser Hinsicht war es notwendig, dass das Leben etwas mit ihr spielte, die Landschaft ihres Gesichts bearbeitete“ – Jean-Claude Carrière hat diesen Satz, der auch Huppert gut trifft, auf Jeanne Moreau gemünzt. In Louis Malles Viva Maria! (1965, heute im Lichtblick) hatte ihr Talent eine seiner raren Gelegenheiten, komödiantisch aufzuspielen. Auch dieser Film spielt in einem Bürgerkrieg, in Mexiko, doch Malle nutzt das Setting vorwiegend zum Spiel mit den Rollenbildern seiner Stars Moreau und Bardot. Erstere hatte gerade ihre erste Langspielplatte gemacht, beide dürfen auch im Film mit Inbrunst singen. Zusätzlich setzt sich das ungleiche Paar zwischen feuerverwüsteten Haciendas an die Spitze eines Aufstands, der sein Vorbild in der zapatistischen Revolte hat, was aus Zensurgründen vertuscht werden sollte. Ja, zur Tarnung sollte sogar der Popocatepetl versteckt werden.

Eine weitere Grande Dame des französischen Kinos ist die Regisseurin Agnès Varda, die mittlerweile fast alle ihre Mitstreiter aus der Nouvelle Vague überlebt hat. Höchst aktiv ist sie immer noch, eines ihrer schönsten und persönlichsten Stücke ist Les glaneurs et la glaneuse (2000, Dienstag im Arsenal), ein poetischer Essayfilm über das Sammeln und den Kreislauf der Dinge und des Lebens selbst. Dabei bringt die zierliche Energiebombe sich als Kommentatorin und Darstellerin auch immer wieder selber hör- und sichtbar in den Film ein.

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