CITY Lights : Bloß raus hier!

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Während die Schmankerln-Hüttn am Potsdamer Platz endlich Konkurrenz durch Weihnachtsmärkte bekommen, gehen auch die Kino-Schmankerln in die vorweihnachtlichen Vollen. Drei Großereignisse starten dieser Tage, zwei fast parallel. Denn schon einen Tag vor der heute im International eröffneten Französischen Filmwoche (siehe Seite 25) ging gestern dort das russische Pendant ins Rennen. Und da die Russen diesmal ihre zweite Spielstätte ins Filmtheater am Friedrichshain verlegt haben, laufen ihre Filme auch hier parallel zu den Franzosen – schön für Wechselwillige.

Viel Kritik am Putinismus darf man von einer vom russischen Kulturministerium sowie Gazprom unterstützten Veranstaltung nicht erwarten. Doch nicht alle Filme sind unpolitisch: In der im Arsenal stattfindenden Festivalsektion Studentenfilmtage versammelt die Kollektivarbeit Winter, Go Away! (Freitag) Eindrücke von den Protesten gegen den Präsidenten zu einem lebendigen Kaleidoskop des Widerstands. Satirisch arbeitet Michail Segal in Die Erzählungen (Sonntag im Russischen Haus, Mittwoch im FaF): Der Film entwirft in vier Episoden um die Planung einer Hochzeit ein Russland, in dem es bald Arbeit nur noch bei der Miliz gibt und man für den Nachwuchs am besten schon vor der Geburt die Emigration organisiert. Schwer chauvinistisch dagegen wirkt Andrej Proschkins ikonenseliges Historienstück Orda/ Die Horde (Sonnabend im FaF), das beim Moskauer Filmfestival prompt mehrere Preise gewann.

In Russland macht auch „Around the World in 14 Films“ mit Sergej Lobans sommerlich verspielter Chapiteau-Show Station. Das Filmfest, dessen Macher ihre anderweitigen Festival-Lieblingsstücke in Berlin (erst mal auch mit Nachspiel in Potsdam) vorstellen, eröffnet morgen Abend im Babylon-Mitte mit Benh Zeitlins Beasts of the Southern Wild. Doku-Außenseiter im Programm ist ein Beitrag, der die Aktionen Günter Wallraffs brav biedermeierlich aussehen lässt: Mads Brügger ist sein dänisches Pendant, ein Investigativjournalist und Filmemacher. In The Ambassador (Sonnabend und Dienstag) geht er als angeblicher Diplomat und Unternehmer ins zentrale Afrika, um sich dort in die internationalen Waffen- und Diamantenhändel zu mischen. Ungefährlich ist das nicht, das Ergebnis Action-Kino härtester Sorte, das leider keinem wirren Autorenhirn entsprang. Dass der Filmemacher sich dabei auch selber kompromittiert, dürfte die Debattierlust nach dem Film befördern.

(Nord-)Afrika ist eine der besonderen Interessen des 1928 geborenen bretonischen Filmemachers René Vautier, der wegen seiner über 150 meist dokumentarischen Filme mit der französischen Zensur aneinandergeriet und auch ins Gefängnis musste. Das Entsetzen über die koloniale Vergangenheit und Gegenwart war Anlass und Antrieb der Arbeit eines Mannes, dem die politische Wirkung seiner Filme wichtiger war als die cineastische Geste. Ohne Genehmigung heißt die Werkschau im Zeughaus-Kino, die am Mittwoch mit dem gleichnamigen Selbstporträt von 1974 eröffnet wird. Vier Tage gibt es dann noch Gelegenheit, einen bei uns viel zu wenig bekannten Filmemacher zu entdecken.

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