CITY Lights : Böse alte Zeit

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An Aufmerksamkeit für Ulrich Seidl und seine „Paradies“-Trilogie hat es zuletzt nicht gemangelt. Doch im Lichtblick, das mit dem „Paradies“-Verleih Neue Visionen verbandelt ist, hat man noch nicht genug – und zeigt, auch zum Vergleich, einige frühere Filme des Österreichers. Mein Favorit der Reihe ist Jesus, Du weißt (Mittwoch): In den Gottesanrufungen sechs Betender verdichtet Seidl die Dauerthemen Religion, Schuld und Einsamkeit ungewöhnlich konsequent und subtil. Immer präsent ist dabei – bei aller Inszenierungskunst – die lebendige dokumentarische Basis der Mini-Dramen, die auch die unglaublichsten Wendungen trägt. Und im Hintergrund blinken Christus und Heilige vom Barockaltar.

Als Ikone der Filmpublizistik gilt die 2002 verstorbene Münchnerin Frieda Grafe. 1995 legte sie für die Zeitschrift „steadycam“ eine Liste mit 30 Lieblingsfilmen an, die derzeit im Arsenal vorgestellt werden. Eine hübsche Idee, weil Grafes Filmgeschmack auch Vorlieben für Komödiantisches jenseits des Kanons hegt: Am Mittwoch (Einführung: Klaus Theweleit) ist es die 1934er-Fassung von The Merry Widow, für die sich MGM-Chef Thalberg erst Ernst Lubitsch von der Paramount auslieh und dann dafür sorgte, dass der studioübliche Romantizismus in dessen Händen nicht zu komödiantisch geriet. Ganz ist das nicht gelungen: So verbindet das Musical das Schwelgen in Studiodekorationen mit Kuhhirten-Winzkönigreich-Witzen und elegant choreografierte Tanzszenen mit dem frivolen Plot um eine Staatsschuldenkrise, deren Angelpunkt Marshovias Hauptsteuerzahlerin ist. Da stört es nicht weiter, dass Jeanette MacDonald und Maurice Chevalier eher blass bleiben.

In Marshovia liest man den „Morning Moo – A Paper for Table and Stable“, im Großherzogtum Abacco seriös das „Berliner Tagblatt“. Statt im Studio hat F. W. Murnau Die Finanzen des Großherzogs (1924, Freitag im Zeughaus mit Livepiano) an der kroatischen Küste gedreht. Schulden allerdings gibt es auch hier, und wieder soll eine reiche Frau den Staat aus dem Desaster erretten: Großfürstin Olga, die Sätze schreiben kann wie „Dass Sie kein Geld haben, schadet gar nichts – ich habe desto mehr“. Während bei Lubitsch Königshaus und Hofschranzen eins draufbekommen, droht das Unheil im Stummfilm aus einem Bündnis von Kapital und Revoluzzer-Ganoven. Der Film sei Murnaus einzige Komödie, heißt es; richtig zum Lachen aber ist nur, dass sich die Schauspieler an der Stirn kratzen, wenn ihre Figuren wieder eine Wendung des komplizierten Plots verstanden haben. Schade, dass die Heiratsdiplomatie des höfischen Hollywood heute nicht mehr gegen Krisen hilft. Sonst hätte man vielleicht sogar für Bettina Wulff noch eine staatstragende Verwendung gefunden.

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