CITY Lights : Böse Wörter

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Künstler gehen nicht in Rente, sie arbeiten bis zum Umfallen. So sterben manchmal Regisseure während Dreharbeiten, und Kollegen übernehmen den Film. Doch der Fall Herbert Selpin bleibt einzigartig. Im Sommer 1942, als er Titanic inszenierte, wurde er wegen Beleidigung der Wehrmacht verhaftet – und erhängt in seiner Zelle gefunden. Die Dreharbeiten gingen weiter, als sei nichts passiert; nur hinter vorgehaltener Hand sprach man von einem als Selbstmord getarnten Mord. Friedemann Beyer hat den Fall jetzt neu aufgerollt („Der Fall Selpin. Chronik einer Denunziation“, Heyne, 224 S., 19,90 €). Ihm ist ein außerordentlich spannendes Buch gelungen – über Denunziation und wie leicht man durch unbedachte Äußerungen eine Tragödie auslösen kann. Die Buchpräsentation (Sonntag im Babylon Mitte) wird der Film vorgeführt. Premiere hatte er 1943 in Paris – in deutschen Kinos durfte er nicht gezeigt werden: Selpin hatte die Panik an Bord zu drastisch eingefangen. Das wollte man dem deutschen Publikum angesichts der Bombenangriffe nicht zumuten.

Denunziationen löste einer der schönsten, wahrhaftigsten – und unbekanntesten sowjetischen Stummfilme aus: In Abram Rooms Dritte Kleinbürgerstraße (1927) nimmt ein Moskauer Ehepaar einen Untermieter auf, der im Bett der vernachlässigten Frau landet. Der betrogene Mann reagiert nicht wütend, sondern freundet sich mit dem Rivalen an. Die Frau wird schwanger, weiß nicht von wem, und beschließt abzutreiben (Freitag im Zeughauskino). Die Frage, ob der Film progressiv oder westlich-dekadent sei, führte zu – noch unblutigen – Säuberungsaktionen unter Kritikern und versetzte einer lebhaften sowjetischen Filmpublizistik den Todesstoß. Dabei hat Rooms charmante Dreiecksgeschichte die Zeit besser überstanden als die pathetischen Revolutionsdramen seiner berühmteren Kollegen.

Themen wie vor- und außerehelicher Sex oder gar Abtreibung sind auch lange nachher – wenn überhaupt – nur mit erhobenem Zeigefinger behandelt worden. Das änderte sich erst in den sechziger Jahren: In Ulrich Schamonis Es (1966) ist der zu erwartende Nachwuchs weder Segen noch Katastrophe. Der Einfluss einer ungeplanten Schwangerschaft auf eine nicht eheliche Beziehung wird sachlich und humorvoll untersucht. „Es“ läuft am Sonntag im Rahmen der wöchentlichen Berlin-Film-Matineen des Bundesplatz-Kinos. Die Stadt im Film mag heute historisch anmuten, die Konflikte sind es nicht.

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