CITY Lights : Bollywood am Balkan

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Der deutsche Film hat sich nie für den Norden Berlins interessiert. Ausnahmen bestätigen die Regel: Der Flughafen Tegel war ein Ort, den man sofort in Richtung City verließ, und im Märkischen Viertel spielten ein paar Sozialdramen. Die Einwohner der nördlichen Bezirke legen ihrerseits keinen Wert auf das Kino um die Ecke. Das war einmal anders: Allein in Wedding gab es einst 45 Kinos. Von denen ist nur noch das Alhambra am U-Bahnhof Seestraße in Betrieb.Ursprünglich stand hier ein Gartenlokal, in dem ab 1912 Stummfilme vorgeführt wurden. 1921 erfolgte der Umbau zum Kino, das im Krieg beschädigt, wiederaufgebaut und 1999 endgültig abgerissen wurde. Der Neubau auf demselben Gelände feiert nun schon seinen 10. Geburtstag: auf den ersten Blick ein gewöhnliches Multiplex mit dem üblichen Angebot, aber im Foyer liegen Zeitschriften aus, die sich mit den Problemen im Bezirk befassen, und neben aktuellen Blockbustern wird in Sonntagsmatineen ein Gang durch die Filmgeschichte geboten. Den Anfang macht am Sonntag Charlie Chaplins Lachparade, eine Woche später bekommt Bel Ami Robert Pattinson Konkurrenz durch Willi Forst, der dieselbe Rolle 1939 verkörperte.

Den ganzen Mai zeigt das Zeughauskino serbische Filme, deren Macher mitunter in die Klischeekiste greifen. Emir Kusturicas Zavet – Versprich es mir! (Sonnabend), der 2007 in Cannes lief, wird von den Veranstaltern als Ethno-Klamotte angekündigt. Laut geht es auch in Gucha (Sonntag u. Mittwoch) zu, einem BalkanMusical im Bollywood-Stil. Dusan Milic schildert ethnische Konflikte vor dem Hintergrund des weltgrößten Trompetenfestivals; RomaMusiker müssen sich gegen nationalistische Folklore behaupten.

Eine 87-jährige Hollywood-Legende wird am Montag im Babylon Mitte geehrt: Dorothy Malone hat in „Tote schlafen fest“ mit Humphrey Bogart geflirtet, für Douglas Sirks „In den Wind geschrieben“ einen Oscar gewonnen und in „Basic Instinct“ einen Kurzauftritt absolviert. Im italienisch-deutschen Thriller Exzess (1969) kommt ihr reifer Sexappeal zum Einsatz, und wer es unreif liebt, der kann sich an der blutjungen Romina Power erfreuen. Ein typisches Sixties-Produkt: durchgeknallt, psychedelisch, ein einziger Drogentrip. Schlampig gemacht, stellenweise auch ambitioniert, mit verschachtelten Rückblenden. Ein Film für Freunde des Abseitigen.

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