Kultur : City Lights: Captain-Marvel-Filme und Frauen gegen Männer

Silvia Hallensleben

Ganz Berlin von Multiplexen besetzt? Nein, nicht ganz Berlin. Auch nicht sein gesamtes Zentrum, so sehr es auch den Anschein haben mag. Denn ein paar Meilen südöstlich der Amüsierzentren der Neuen Mitte, in good old SO 36, trotzen einige unbeirrte Kinomacher Mainstream und Leinwandsterben und basteln weiter an ihrem eigensinnigen Programm. Eines davon ist das Eiszeit in de Zeughofstraße, bekannt für kino(zeit-)geschichtliche Ausgrabungen, die so handverlesen sind, dass sie manchmal direkt ins Cineastenherz zielen, oft aber auch knapp daneben.

Ein Treffer dürften diese Woche wohl die Captain-Marvel-Filme sein, die die Truppe um Hans Habiger bei einem Sammler aufgetrieben hat. 1941 als Serie von zwölf zwanzigminütigen Vorfilmen nach dem gleichnamigen Comic unter der Regie von John English und William Witney in den Republic Studios entstanden, zeigen die Filme, dass Vorfilm nicht unbedingt Kulturfilm bedeuten muss. "The Adventures of Captain Marvel", die erste Kino-Version der Superman-Figur als Realfilm, ist erstklassiger Trash auf der technischen Höhe der Zeit. Entsprechend ideenreich und tolldreist wurden die Episoden gestaltet: Captain Marvel ist Billy Batson, ein eher unscheinbares Kerlchen, das mit einer Expedition ins exotische Siam gerät und beim Einbruch seiner Kumpane in eine prähistorische Grabstätte von einem auferstandenen Bartträger mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wird. "Shamaz" heisst das Zauberwort, S wie Salomon, H wie Herkules - den Rest der antiken Helden müssen Sie sich schon selbst zusammenbuchstabieren.

Vom Tal der Gräber über turbanbemützte Eingeborene bis hin zu linsenbewehrten Skorpionen, die als Geheimwaffe dienen - der Film ist die perfekte Symbiose aus Mystik und Technikfaszination, inklusive kinematografischer Vorahnung einer Wunder- und Schreckenswaffe, die stärker als tausend Sonnen strahlt und sich in Vulkaneruptionen materialisiert. Sehr hübsch wirkt heute die verwendete Stunt- und Trickktechnik: Captain Marvel fliegt nicht nur wie ein schockgefrosteter Reckturner durch die Gegend, seine Uniform verknüpft darüber hinaus kunstvoll Elemente von Pyjama, Strumpfhose und Torero-Outfit - und beweist damit nebenbei, dass zumindest die Trikotagenherstellung inzwischen dazugelernt hat. Noch immer nicht überzeugt? Immerhin die wohl quälendsten Cliffhanger der Filmgeschichte sollte man sich nicht entgehen lassen. Das Eiszeit zeigt alle "Captain Marvel"-Filme an einem Abend in vier Stunden am Stück (Sonnabend, 22 Uhr, in der Originalversion).

Trash mag nicht jedermanns Sache sein. Dann eben Ballett gegen Abenteuer. RKO gegen Republic. Frauen gegen Männer. Dorothy Arzners Dance Girl Dance (1941) ist in mehrfacher Hinsicht ein Frauenfilm. Erstens war Dorothy Arzner neben Ida Lupino die einzige Frau, die es im klassischen Hollywood zur Regisseurin gebracht hat. Leider sind von ihren fast 20 Filmen nur wenige erhalten. Zweitens ist "Dance Girl Dance" schon seit den siebziger Jahren ein wichtiger Bezugspunkt im Standardrepertoire feministischer Filmtheorie: Er illustriert aufs Schönste ihre These der voyeuristischen Blickkonstruktion im Hollywood-Kino. Als einer der damals üblichen Revuetänzerinnenfilme gipfelt "Dance Girl Dance" in einer bis heute ungewöhnlichen Szene, in der die Tänzerin dem Publikum seinen Voyeurismus verbal zurückschleudert. Schließlich entfaltet "Dance Girl Dance" seine Geschichten in einem ganz von Frauenbeziehungen definierten Raum. So hat Arzner den im Drehbuch vorgesehenen Truppenmanager durch eine Dame ausgetauscht. Eine wirkungsvolle Änderung, die nicht nur die Mädchen aus väterlicher Obhut befreit, sondern mit Madame Basilova (Maria Ouspenskaya) auch eine Form gestandener Weiblichkeit zeigt, die sich sonst auf der Leinwand einigermaßen rar macht. Ein bisschen kesser Vater, ein bisschen Mamsell, sehr souverän und hundertpro jenseits jeden Schönheitsklischees. Captain Marvels Louise könnte sich da ohne Schaden ein Scheibchen abschneiden. (Sonnabend, 21.45 Uhr, im Arsenal).

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