CITY Lights : Cowboys auf der Couch

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Unzählige US-amerikanische Wörter sind in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen. „Diner“ gehört nicht zu ihnen, auch weil diese Gaststättenform sich hierzulande nicht so recht durchgesetzt hat. Entsprechend schwer hatte es Barry Levinsons gleichnamiges Debüt aus dem Jahr 1982. Der deutsche Verleih nannte ihn American Diner, was die Sache nicht leichter machte. Auch freundliche Kritiken brachten der charmanten BuddyKomödie nicht viele Zuschauer. Mittlerweile allerdings sind einige der Beteiligten so berühmt geworden, dass sich eine Wiederaufführung lohnt (heute im Lichtblick). Levinson porträtiert ein halbes Dutzend junger Männer, die noch nicht reif für die Ehe sind. Sie reden lieber miteinander über Frauen, statt mit Frauen zu reden. Der eine will erst heiraten, wenn seine Verlobte mehr Ahnung von Fußball hat. Der andere regt sich auf, wenn eine Frau seine Schallplattensammlung durcheinanderbringt. „Donna“, muss Ellen Barkin sich belehren lassen, ist die B-Seite von „La Bamba“ und nicht umgekehrt. Hauptattraktion des Films ist ein junger, noch nicht durch den Boxsport entstellter Mickey Rourke.

Eine faszinierende Trouvaille präsentiert das Babylon Mitte zu Ehren von Dieter Mann, der soeben seinen 70. Geburtstag feierte. In Brandstellen (1978) verkörpert er einen Hamburger Anwalt, den angepasste wie auch radikalisierte Freunde in einen Loyalitätskonflikt stürzen. Ungewöhnlich an der Adaption von Franz-Josef Degenhardts Roman ist der Umstand, dass er von der Defa produziert wurde (Freitag und Dienstag). Sicher erklärt das seinen insgesamt geringen Bekanntheitsgrad. Dabei dürfte er in der DDR eher subversiv gewirkt haben, da hier ein OstSchauspieler die Konflikte eines WestLinken nachempfindet. Neben Dieter Mann sind Ezard Haußmann und Annekathrin Büger zu sehen.

Ein weiteres Kuriosum bietet die Western-Reihe im Arsenal. Mit Verfolgt, 1947 von Raoul Walsh inszeniert, zeigt das Kino den wohl ersten psychoanalytischen Western (Freitag und Mittwoch). Robert Mitchum wird zwar ganz traditionell eingeführt, hoch zu Pferde und mit Cowboyhut – was sich aber in seinem Kopf abspielt, war für das Genre total neu. Mitchum wird verfolgt, jemand will ihn töten, und er weiß nicht warum. Die Erklärung liegt in der Kindheit, aus der es nur Erinnerungsfetzen gibt: blitzende Stiefel, die er als kleiner Junge wahrgenommen hat, während er sich unter dem Bett versteckt hielt. Den ganzen Film hindurch muss er also fliehen, zurückschießen und grübeln, den Schlüssel finden. Das Publikum war reif für einen traumatisierten Cowboy. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der amerikanische Mann nicht mehr derselbe, und ein Besuch beim Analytiker kein Tabuthema mehr.

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