CITY Lights : Delphi in Weißensee

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Der Caligari-Platz in Weißensee ist wohl der einzige Platz Berlins, der nach einem Kinoschurken benannt ist. Acht Jahre ist die Neubenennung jetzt her – stolzer Ausweis der Leidenschaft jener Leute, die das Brotfabrik-Kino betreiben. Gelungen ist das wohl auch nur, weil die zuvor namenlose Freifläche zwischen Heinersdorfer Straße und Prenzlauer Promenade außer der Brotfabrik selbst keine direkten Anwohner hat, die wegen Änderung der Postadresse hätten meckern können.

Anliegen der Namensgebung war es auch, auf die Bedeutung von Weißensee als ehemaligen Filmindustriestandort hinzuweisen. Ein ähnliches Ansinnen hat auch ein kleines Kulturfest mit dem schönen Namen „Somnambule“, das dieser Tage rund um die Brotfabrik stattfindet und die Wirkungskraft von Robert Wienes stilprägendem Film in die verschiedensten Richtungen auslotet. Dabei lässt auch ein altes neues Kino entdecken, das es an Grandezza und Ehrwürdigkeit mit dem gleichnamigen Charlottenburger Filmpalast aufnehmen kann. Das Weißenseer „Delphi“ hat mit seiner angeranzt höhlenartigen Innenarchitektur aus den endzwanziger Jahren in wundersamem Dornröschenschlaf die Jahrzehnte überstanden und ist sicher der perfekte Spielplatz für Das Cabinet des Dr. Caligari, der hier am Sonntag mit musikalischer Begleitung der Berliner Voltron-Gitarristen Mars Brennen und Kerry Klonk präsentiert wird.

Man kann Wienes 1919 entstandenen Film mit seinen grellen paranoiden Verzerrungen als Vorahnung des Faschismus sehen. Im jungen chilenischen Kino dagegen scheint die seit 1989 überwundene Diktatur als Farben und Empfindungen dämpfender Schleier präsent, der die Gegenwart mit großflächiger Melancholie überzieht. Das jedenfalls legen einige aktuelle chilenische Filme nahe, die bis nächsten Freitag im Arsenal präsentiert werden. In der Großstadt regiert die Einsamkeit und die Provinz dient häufig als Schauplatz missglückter Fluchten – etwa in Christopher Murrays und Pablo Carreras Spielfilmdebüt Manuel de Ribera (am Sonnabend). Ihr Film erzählt in bis fast ins Schwarzweiß entfärbten Breitwandbildern und statischen Einstellungen von einem nicht mehr jungen Aussteiger aus Santiago, der auf einer ererbten Insel mit Einheimischen eine Gemeinschaft aufbauen will und scheitert. Auch José Luis Torres Leivas El cielo, la tierra y la lluvia (heute) schickt seine einsamen Heldinnen im tiefen Süden auf Kontaktsuche. Wieder sind die Farben verblichen, die Impulse verhalten. Und statt der windschiefen Kulissen des Caligarismus dräut die gespenstisch lebendige Natur.

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