CITY Lights : Die Welt zu Gast

Silva Hallensleben

Wenn Dieter Hof mit ausladenden Gebärden den deutschen Sozialstaat erklärt, wirkt das angesichts der komplexen Thematik oft wie Satire. Hof ist Lehrer eines Integrationskurses für Zuwanderer und nach dem Spracherwerb für den sogenannten Orientierungsteil zuständig. Viel Zeit bleibt nicht, den Eleven Staatsaufbau und Marktwirtschaft nahe zu bringen. Das formalistische Demokratieverständnis der Prüfungsaufgaben ist auch wenig hilfreich. So schaffen am Ende trotz Mühen nur wenige der 20 Teilnehmer den Test. Sie kommen aus China, Tansania oder Marokko, dort waren sie Kriminalbeamter oder Stewardess, in Deutschland schlagen sie sich mit Hilfsarbeiten durch, wenn sie überhaupt Arbeit haben. Doch die Träume sind nicht gestorben, das Deutschlernen ein Schritt auf dem Weg dorthin.

Einblicke in die Lebenswelten der Migranten gibt Karin Jurschicks Dokumentarfilm Zertifikat Deutsch, der einen solchen Kurs begleitet: Einblicke in eine deutsche Realität, die derzeit hauptsächlich unter dem Stichwort Integrationsverweigerung verhandelt wird. Doch an der VHS Köln haben die abgebrochenen Kurskarrieren nichts mit Verweigerung zu tun, sondern viel mit bürokratischen Hürden, Nachtarbeit oder privaten Sorgen. Das titelgebende Zertifikat wurde übrigens 2009 durch einen anderen Test ersetzt, der die Kommunikationsbedürfnisse der Migranten besser berücksichtigen soll. An der Treffsicherheit von Jurschicks unaufgeregt emphatischer Studie ändert dies nichts. „Zertifikat Deutschland“ eröffnet am heutigen Donnerstag im Arsenal das „One World Berlin“-Festival, das sich seit sieben Jahren für die Menschenrechte in einer globalisierten Welt einsetzt.

Gegen ihren Willen migriert wurden die meisten Objekte, die in den ethnologischen Sammlungen der Welt von kolonialer Glorie künden und heute unsere Neugier auf fremde Kulturen befriedigen. Eines der ältesten und bedeutendsten Völkerkundemuseen in Deutschland ist das in den 1890ern erbaute Grassi-Museum in Leipzig, das 2001 wegen einer Komplettrestaurierung vier Jahre ausgelagert werden musste. Eine Phase intensiver Neuorientierung und Umgestaltung, die Tamara Wyss zwei Jahre lang für ihren Dokumentarfilm Sammeln, Erinnern begleitet – bis zum unter Zeitdruck überstürzt durchgeführten Wiedereinzug des asiatischen Teils der Sammlung in die neu gestalteten Räume. Eine Zeit der Debatten und offenen Spannungen: Kompetenzsrangeleien und DDR-Vergangenheit spielen eine nicht unbedeutende Rolle. Und immer schwingt die Frage nach dem Sinn solcher Sammlungen in der heutigen Welt mit. Dabei widmet sich Wyss’ zweistündiger Film Sujets und Menschen mit der gleichen Sorgfalt wie Jurschicks „Zertifikat Deutsch“. Beide Filme geben aus unterschiedlicher Perspektive einen selten sorgfältigen Einblick in den verwalteten Umgang mit Weltkultur und mit Menschen aus anderen Kulturen. Wegen seines auf den ersten Blick unspektakulären Sujets hat „Sammeln, Erinnern“ bis heute keinen Verleih. Am Freitagabend wird der Film in einer Sondervorführung im Martin-Gropius-Bau erstmals einem größerem Publikum vorgestellt; die Regisseurin ist danach zum Gespräch bereit.

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