CITY Lights : Edle Wilde

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Wenn ein Filmtitel Rätsel aufgibt, ist das meist beabsichtigt und ein Zeichen von künstlerischem Anspruch. Die Macher der Tarzan-Filme hatten zwar nicht die Absicht, ihr überwiegend jugendliches Publikum zum Nachdenken zu bringen, aber einmal haben sie es doch getan, unfreiwillig. Tarzan Finds a Son ( 1939, Sonntag im Arsenal) wirft die Frage auf: Warum muss Tarzan einen Sohn finden? Können er und Jane, dieses schöne, gesunde Dschungel-Traumpaar, keine eigenen Kinder bekommen? Nun, gekonnt hätten sie schon, nur gedurft haben sie nicht. Da es im Dschungel kein Standesamt gibt, wäre das Kind unehelich gewesen, und das galt damals in den USA noch als Makel. Also verfiel man auf die Idee, ein Flugzeug abstürzen zu lassen, aus dem der kleine Knabe gerettet wird. Johnny Weissmuller und Maureen O’Sullivan spielten Tarzan und Jane seit 1932; seitdem waren die Lendenschurze immer größer und das Baumhaus immer gemütlicher geworden. Das Problem mit dem Sohn wurde elegant gelöst: In den nachfolgenden Tarzan-Filmen wurde seine Herkunft nicht mehr angesprochen und der Findling klammheimlich in einen leiblichen Sohn umgewandelt.

Der deutsche Bildungsbürger kultiviert seinen eigenen Mythos vom edlen Wilden. Er benötigt dazu keinen Tarzan, der ohnehin zu sehr durch Groschenromane und Billigfilme diskreditiert bleibt. Der Bildungsbürger hat seinen Kaspar Hauser. Den bedeutendsten Film über diese tragische Figur aus der Biedermeierzeit hat Werner Herzog im Sommer 1974 gedreht: Jeder für sich und Gott gegen alle war ein großer internationaler Erfolg und gehört zu den unbestrittenen Meisterwerken des Neuen Deutschen Films (Mittwoch im Babylon Mitte). Gezeigt wird er in Erinnerung an den Hauptdarsteller Bruno S., eigentlich Schleinstein, der am 10. August einem Herzleiden erlegen ist. Bruno S., 1932 als Sohn einer Prostituierten in Berlin-Friedrichshain geboren und in verschiedenen Heimen aufgewachsen, verdiente sein Geld als Straßenmusiker, bevor Herzog sich seiner annahm. Die Besetzung löste Kontroversen aus; wie so oft beim Umgang mit Laien, wurde auch Herzog die Ausbeutung einer labilen Persönlichkeit vorgeworfen.

Gottlose Wilde bekehren – das war ein Ziel der Kreuzritter, die vom Kino mit den Jahren übrigens zunehmend kritisch betrachtet werden, zuletzt in Ridley Scotts „Königreich der Himmel“. Cecil B. DeMilles The Crusades (1935) stammt noch aus der „unkritischen“ Phase und zelebriert die Heldentaten von Richard Löwenherz. Immerhin wird dessen Gegenspieler, der Sultan Saladin, würdevoll dargestellt. Das war eine Rarität im traditionell islamfeindlichen Hollywood (Mittwoch im Zeughauskino). In den kommenden Wochen stehen zwölf weitere Ritterepen auf dem Programm, darunter Sergej Eisensteins „Alexander Newski“ und Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“, aber auch asketische, minimalistische Anti-Epen wie Robert Bressons „Lancelot du Lac“ und Eric Rohmers „Perceval le Gallois“, die sich jeglicher Schaulust verweigern. Obwohl dieses Genre sowohl Kunstwerke als auch Kassenhits hervorgebracht hat, ist es nie zu einer Fließbandproduktion gekommen, wie es sie beim Western oder beim Kriegsfilm gibt. Das liegt sicher an dem vielen Blech. Ritterrüstungen sind unsexy. Wer will schon wochenlang jeden Tag aufs Neue in so etwas hineinsteigen? Ganz zu schweigen von der Verletzungsgefahr, wenn Hunderte von Komparsen übereinander herfallen. Dann scheppert’s aber richtig.

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