CITY Lights : Eine Baltin aus Italien

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Was empfinden deutsche Schauspieler, wenn sie einen Hollywoodfilm deutsch nachsynchronisieren, in dem sie selbst mitgewirkt haben – etwa beim „Vorleser“, wo die deutschen Schauspieler oft ganz unter sich sind. Hätte man die betreffenden Passagen nicht in zwei Sprachen drehen können? Zu Beginn der Tonfilmzeit war das üblich. In derselben Dekoration, von demselben Kameramann ausgeleuchtet, lieferten Amerikaner, Briten, Deutsche und Franzosen ihren Text ab. Die besonders Sprachbegabten konnte man in mehreren Versionen einsetzen, und Conrad Veidt gehörte zu ihnen. Von seinem ersten Tonfilm, Kurt Bernhardts Die letzte Kompagnie (1930), gibt es keine vorführbare Kopie in deutscher Sprache mehr, deshalb muss sich das Publikum mit der englischen Fassung begnügen (Freitag und Sonnabend, Zeughauskino). Der Film spielt 1806 nach der Schlacht bei Jena und verbindet Pazifismus mit Militarismus. Schließlich wurde er von der Ufa produziert, und deren Direktion schielte nach links und rechts.

Mehrsprachigkeit gehört zum Kriegsfilm – und selbst der verlogenste Propagandafilm wirkt augenblicksweise authentisch, wenn die Vertreter einer diffamierten Nation in ihrer eigenen Sprache zu hören sind. Ein Experte für antisowjetische Propaganda war der in St. Petersburg aufgewachsene Schauspieler Andrej Engelman, der sich in Deutschland Andrews Engelmann nannte. Er spezialisierte sich auf sadistische Politkommissare und schrieb bei Karl Ritters GPU (1942) sogar am Drehbuch mit. Die Organisation GPU war zu dem Zeitpunkt im NKWD aufgegangen, doch die Filmemacher wollten auf das Kürzel nicht verzichten, schließlich stand es laut Vorspann „Grauen, Panik, Untergang“ (Dienstag im Zeughauskino). Es geht um den 20-jährigen Rachefeldzug einer Baltin gegen den Mann, der ihre Familie während der Oktoberrevolution ermordet hat. Sie wird von der blonden Italienerin Laura Solari verkörpert; bald vergisst man die nationale und politische Identität der Figuren und genießt die Tricks einer glamourösen Doppelagentin und Geigenvirtuosin.

Italiener, Amerikaner und Deutsche bekämpfen sich in Roberto Rossellinis Klassiker Paisà (1946) und werden auch miteinander verwechselt, etwa von sizilianischen Dorfbewohnern (Freitag im Arsenal). In sechs Episoden schildert Rossellini das Chaos der letzten Kriegstage. Ideologisch ist einiges anfechtbar: Italienische Frauen sind Huren, italienische Männer und Kinder dagegen die Hauptopfer des Naziterrors. Ausgerechnet ein schwarzer GI muss für den reichen Ami stehen, den man ruhig beklauen darf. Dennoch wirkt der Film in den Details wahrhaftig. Kurios: Obwohl er ohne festes Drehbuch entstand, erhielt Rosselini fürs Drehbuch seine einzige Oscar-Nominierung.

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