CITY Lights : Entwurzelt, entfesselt

von

Ausländische Filmteams, die nach Berlin kommen, interessieren sich nicht gerade für die schönen Seen oder Grünanlagen. Sondern vielmehr für die Geschichte der Stadt, für Themen wie die Weimarer Republik, die Nazizeit und den Kalten Krieg. Selbst wenn die Handlung in der Gegenwart spielt, schadet es nicht, wenn mindestens ein ehemaliger Nazi oder Stasi-Agent vorkommt, das glaubt man dem Publikum schuldig zu sein.

Gegen dieses ungeschriebene Gesetz verstoßen nur wenige ausländische Regisseure. Andrzej Zulawski hat das 1980 dafür auf besonders spektakuläre Weise getan, indem er in Kreuzberg, dicht an der Mauer, das surrealistische Horrordrama Possession (bis Sonntag in der Brotfabrik) drehte. Für ihn war Berlin kein Ort mit Geschichte, sondern ein exotisches Niemandsland. Dazu passt das Fehlen einer nationalen Identität: Zulawski wurde in der Ukraine geboren, wuchs in der Tschechoslowakei und in Polen auf und emigrierte nach Frankreich.

Damit nicht genug: Seine französische Hauptdarstellerin Isabelle Adjani hat einen algerischen Vater und eine deutsche Mutter. Ihr Partner Sam Neill ist ein in Nordirland geborener Neuseeländer. Hinzu kommen kosmopolitische deutsche Nebendarsteller: Heinz Bennent, der damals überwiegend in Frankreich arbeitete, Johanna Hofer, die die Nazizeit im Exil verbracht hatte, und die in Washington D.C. geborene Leslie Malton. In diesem Film von Entwurzelten über Entwurzelte verlieren die Figuren den Boden unter den Füßen. Zulawski inszeniert die Entfremdung eines Ehepaares als Apokalypse. Wie in seinen bekanntesten Filmen („Nachtblende“, „Die öffentliche Frau“) bedrängt eine entfesselte Kamera die Schauspieler so hektisch, dass die Formulierung „vor den Kopf stoßen“ eine ganz neue Bedeutung erlangt.

Das Kino kennt zwei Formen des Härtetests: Hysterie wie bei Zulawski oder extreme Überlänge. Century of Birthing ist 360 Minuten lang und gehört noch zu den kürzeren Arbeiten des philippinischen Regisseurs Lav Diaz. Es ist ein Film über das Filmemachen, genauer gesagt: über den Schnitt. Ein Regisseur sitzt am Computer, um eine Endfassung zu erstellen, und erleidet angesichts des Bildmaterials eine Sinnkrise. Er muss zwei Erzählstränge verbinden: Eine Ex-Nonne sucht nach ihrer sexuellen Identität, und ein Journalist forscht über Sekten. Wegen der sechs Stunden Filmlänge gibt es am Sonntag im Zeughauskino keine weiteren Vorstellungen. Bis zum Monatsende aber sind in der Reihe „Kinematographie heute: Philippinen“ auch kürzere Werke zu sehen, darunter Auraeus Solios Berlinale-Teddy-Sieger „The Blossoming of Maximo Oliveros“.

Eine Sinnkrise am Schneidetisch dürfte auch Die sieben Samurai (1954) ausgelöst haben. Akira Kurosawas Film war mit 200 Minuten etwas zu lang für den Export. Japan musste sich als Filmnation erst noch etablieren und Kompromisse machen. Also wurde für den internationalen Markt eine 150-minütige Fassung erstellt, die so gut ankam, dass niemand die fehlende Dreiviertelstunde vermisste. Ein wahrer Kurosawa-Fan will natürlich die Langfassung sehen, deshalb ist sie wieder im Einsatz (Sonntag im Arsenal). Das Glanzstück ist eine Schlammschlacht im Regen, bei der fast alle Samurai den Tod finden. Das wurde oft kopiert und bleibt dennoch einzigartig: Bei Kurosawa sind Schlamm und Regen echt und nicht computeranimiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar