CITY Lights : Für ein paar Euro weniger

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Unlängst dachten Filmwissenschaftler beim Hamburger CineFest öffentlich über die europäische Variante des Spätwestern der Sechzigerjahre nach (Tsp. vom 23. 12.), nun geht die dazugehörige Filmreihe im Zeughaus-Kino an den Start. Diese Woche kann man sich dort in einem chronologisch bunt gemischten Programm durch über 70 Jahre Filmgeschichte gucken: von Harry Piels vor den Toren Berlins gedrehtem „Sensationsdrama mit wilden Reiterszenen“ (Erblich belastet?,1913, am Mittwoch in einem Doppelprogramm mit Phil Jutzis Feuerteufel) bis zu Alla Surikowas überdrehter Musical-Komödie Der Mann vom Kapuziner-Boulevard (UdSSR 1987).

Surikowa verbindet die spielfreudige Westernparodie mit einer unmoralischen Reise in die Frühgeschichte des Kinematografen – eine historisch durchaus angemessene, wenn auch ungewöhnliche Assoziation. Der Film aus der Spätzeit der Sowjetunion, dort mit 60 Millionen Zuschauern erfolgreichster Film des Jahres 1987, wird am Freitag in der ebenfalls höchst beflügelten Defa-Synchronfassung gezeigt. Im Vergleich dazu wirkt Ulrich Weiß’ Blauvogel (Sonnabend und Sonntag) mit seinen um ethnografische Korrektheit bemühten Szenen aus dem Indianerleben und dem gediegenen Kommentar – „Dieser Tag hatte Wunden geschlagen, die keine Zeit mehr schloss“ – richtiggehend bieder. Dabei wurde Ulrich Weiß in der Defa für seinen Individualismus gescholten – und durfte nach 1983 keine Filme mehr drehen.

Seine Kinderbuch-Adaption, die – im Film nicht wirklich kindgerecht – von einer männlichen Initiationsgeschichte erzählt, ist ein spannender Außenseiter des Programms. Im Umfeld des sogenannten britisch-französischen Indianerkrieges wird der kleine Sohn einer britischen Siedlerfamilie von Irokesen entführt. Von traumhafter Sinnlichkeit sind die Naturbilder, überhaupt lässt sich Weiß’ Film von 1979 neben der interkulturell-politischen Identitätssuche vor allem als frühe Stimme ökologischen Bewusstwerdens verstehen. Wenn der am Ende zu seiner Siedlerfamilie zurückgekehrte Junge in der ehemaligen Pionier-Wildnis nicht das vom Vater versprochene Paradies, sondern nur noch kahle Ackerfurchen und Großherden findet, lässt sich der Bezug zur Industrialisierungspolitik der DDR-Landwirtschaft seit 1968 nicht übersehen.

„Blauvogel“ ist – eigentlich unvorstellbar – ein DDR-Indianerfilm ohne Gojko Mitic, gedreht wurde in Rumänien mit viel dortigem Personal. Für den Dreh von Sergio Leones Für ein paar Dollar mehr (heute und Sonnabend) bei Almeria wurden Mitte der Sechzigerjahre neben Italienern viele andalusische Gitanos – vermutlich für wenige Peseten – als mexikanische Banditen, Bösewichte und Statisten verpflichtet. Das zweite Stück der Dollar-Trilogie war mit 600 000 Dollar vergleichsweise üppig ausgestattet und verhalf Klaus Kinski (in einer Nebenrolle) und Lee Van Cleef zum künstlerischen Durchbruch. Mittlerweile gilt der Film als erster selbstsicherer Ausweis von Sergio Leones Stilwillen und eignet sich besonders gut als Einstiegsdroge in das Genre des Italowesterns. Drehbuchautor Luciano Vincenzoni bringt in die Inszenierung jenen komödiantischen Unterton ein, der die Hahnenkämpfe der Kontrahenten Van Cleef und Eastwood ironisch kommentiert.

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